Milch von der Insel?

 

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Bevor ich nach Frankreich kam, war ich erst amerikanischer Gefangener. Ich kam von Italien und bin in Salzburg in Gefangenschaft genommen worden. Dann kamen wir nach Dachau ins KZ und blieben dort fünf Tage und dann nach Heilbronn am Neckar in ein großes Lager, in dem weit mehr als 100.000 Mann interniert waren. Schließlich wurden wir von den Amerikanern weiter nach Le Mansin Frankreich gebracht. Dort war die erste Sammelstelle, von dort aus wurden wir dann in Frankreich als Arbeitskräfte eingesetzt.

Ich habe mit anderen Gefangenen, 10 Mann, erst auf einer großen Domäne gearbeitet. Nach einem Jahr hatte deren Pächter kein Essen mehr für uns und stellte uns frei, auf kleineren Höfen zu arbeiten. Und dann hat er uns aufgeteilt auf drei Höfe.

Ich bin Landwirt von Beruf und hatte Glück: Ich kam auf einen Hof, direkt am Ufer von der Gironde. Ich war mit zwei anderen bei einer Familie in Macau untergebracht. Wir haben mit der Familie gelebt und gearbeitet.Auf dem Dachboden haben wir uns ein Zimmer eingerichtet, d. h., ein paar Betten selber gebaut und aufgestellt. Wir sind nicht kontrolliert worden.

Wilhelm Henrich

Jeden Morgen ging es ab, auf die Insel gegenüber, die wirklich sehr groß und noch wüst war, und jeden Abend zurück. Bei meinem patron habe ich zu rudern gelernt, ich habe ihm zugeguckt. Er hat uns das erste Mal selbst hinüber gefahren und uns dann erklärt, dass wir da immer arbeiten sollten. Das haben wir gerne angenommen. Am nächsten Tag habe ich ihm die beiden Ruder abgenommen und habe selbst angefangen zu rudern. Ich hatte Glück, dass ich das erste Mal mit dem Strom reingehen konnte, wir hatten ja Ebbe und Flut in der Gironde. Am Abend, als wir zurück wollten, da hat mir der patron gezeigt: Du musst bis ans Ufer fahren, da kannst du dann besser gegen den Strom rudern. Sonst kommst du nicht nach Hause. Das war für mich eine richtige neue Lehre. Und wir waren begeistert. Bei bösem Wetter, bei Sturm, haben zwei Mann hinten gesessen und ich habe gerudert. Wir hatten uns eine Decke mitgenommen, damit die Wellen nicht ins Boot überschlugen. Da haben wir dann jeden Morgen und jeden Abend die Milch geholt und das klappte auch alles ganz prima.

Auf der Insel standen 100 Stück Vieh. Wir haben da geackert, gesät, gepflanzt, alles, was es zu der Zeit gab. Weil dort auch tragende Kühe standen und andere, die gekalbt hatten, habe ich etliche Kühe für unsere Familie gemolken, die Kälbchen abgesetzt und gemolken. So hatten wir die Möglichkeit, uns nützlich zu machen. In dieser Gegend gab es nur Weinbau und die Familien hatten alle keine Milch.

Das ging mit einem Eimer los und wurde dann immer mehr, bis zu 30 Kühe habe ich gemolken.Und als ich dann die erste Milch brachte, waren die zwei Kameraden, die bei mir waren, als erste dran. Ich habe einen Eimer voll gemolken, da haben wir drei erst mal einen Schluck von genommen. Die Familie kriegte ihre Milch und dann der Nachbar. Dem sagte ich, ich habe hier einen Eimer voll Milch, wenn du Lust hast, kannst du dir auch Milch holen.

Danach wurde die Milch in drei Orte geliefert, nach Margaux, nach Macau und nach Cantenac. Das hat sich herumgesprochen, da kamen alle zu uns hingefahren und holten jeden Abend die Milch fürihre Familien. Die freuten sich, dass sie gute Milch bekamen. Ich war bekannt wie ein bunter Hund in der Gegend, ich habe den Familien literweise Milch eingeschüttet... weiterlesen

nach einem Interview mit Wilhelm Henrich (Edertal)