Thematische Kombination: Kinder in der Stadt
In der
Lehrveranstaltung "Kinder in der Stadt" wurden Psychologie, Pädagogik
und Soziale Arbeit kombiniert. Die Studierenden hatten die Aufgabe, zu öffentlichen
Erfahrungsräumen von Kindern empirische Fragestellungen unter dem Leitthema
"Generationenverhältnis
und Interessenkonflikte" zu entwickeln. In mehreren Durchgängen schufen wir eine den Möglichkeiten von Studierenden im 2.
Semester angemessene Veranstaltungsstruktur, mit der wir Theorie, Empirie und Praxis demonstrativ zusammenführen und zugleich den Studierenden die Themenbereiche
Kinder im öffentlichen Raum und
Entwicklungspsychologie näher bringen konnten. Die folgende Beschreibung betrifft die letzte Teko,
die Bernhard Meyer und ich angeboten und zum Anlass genommen haben, Konzept und Ergebnisse in einem
Buch zu veröffentlichen.
Teko 2003
|
| "graue Theorie"
|
Video zur Veranstaltung
Ihre empirischen Untersuchungen haben die Studierenden im Mai und Juni 2003
durchgeführt, und zwar in Bickenbach, einem Ort südlich von Darmstadt.
Die Ergebnisse, die in Hausarbeiten (im Rahmen einer Vordiplomsleistung) verarbeitet
worden waren, geben Auskunft über das Freizeitverhalten Bickenbacher Kinder
und Jugendlicher. Sie dienten als qualifizierte Planungsgrundlage für die
Weiterenwicklung der Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche in der
Gemeinde Bickenbach.
Die Studierenden waren in ihren theoretischen Vorüberlegungen davon ausgegangen,
dass es zwischen Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern Meinungsgegensätze
gibt, die bei der Beurteilung der aktuellen Bickenbacher Spielräume sowie
weiterer Planungen berücksichtigt werden sollten. Im Rahmen kleiner explorativer
Untersuchungen wurden die Schülerinnen und Schüler der Bickenbacher
Grundschule, Kinder auf Spielplätzen und Schulwegen sowie Eltern befragt,
der Schulhof kartiert und die Schulwege der Kinder erfasst. Es ging u.a. auch
um Lieblingsspielorte, um verbotene Spielorte und um Einschränkungen beim
Spiel.
|
| Feldforschung: Die Schulwegkartierung beginnt
|
Bickenbacher Kinder und Eltern weit gehend einer Meinung, was die Beurteilung
und die Kritik an ihren Spielmöglichkeiten im öffentlichen Raum anbelangt.
Wenn sie in einzelnen Punkten dennoch auseinander liegen, dann ist dies darin
begründet, dass Kinder auf dem Weg zu einer eigene Persönlichkeit
mit eigenen Vorstellungen sind und die Fragen aus ihrer Perspektive heraus beantwortet
haben. So gesehen besteht auch kein Grund zur Beunruhigung beim Thema "verbotene
Orte": Jedes Kind verstößt irgendwann einmal bewusst gegen Verbote,
so schwierig sich das für seine Eltern darstellen mag - dies fördert
seine Selbständigkeit. Bickenbacher Kinder sind in diesem Sinne ganz normale
Kinder.
Die Ergebnisse wurden im Januar 2004 Kommunalpolitikern, Mitarbeitern der örtlichen
Schule und Kindertagesstätte sowie einem interessierten Fachpublikum vorgestellt. In
einer einstündigen Powerpoint-Präsentation, die die Studierenden als
Zusammenfassung ihrer Einzelergebnisse eigenständig hergestellt hatten,
kamen sie zu folgendem Resümée:
Bickenbach ist besser als Sie denken. Aber man kann trotzdem einiges tun:
- nicht definierte Räume erhalten und zulassen,
- Spielplätze inhaltlich neu bestimmen, und zwar für verschiedene
Altersgruppen,
- Kinder und Jugendliche an Veränderungen beteiligen,
- mehr Orte für Jugendliche, Mädchen und Lückekinder schaffen
- Elterntaxidienste zur Schule stoppen und Kinder zum Laufen motivieren
Es lohnt sich, mit Kinder und Jugendlichen zu reden - für Eltern und Pädagogen,
aber auch für Politiker.
|
| Der Bürgermeister eröffnet die Ergebnispräsentation
|
Der Bürgermeister von Bickenbach quittierte die Präsentation der Ergebnisse
mit den Worten: "Das war eine hervorragende Arbeit, auf die wir in unseren
weiteren Planungen in Bickenbach aufbauen können."
Der
folgende Text ist dem Video-Film über die TEKO entnommen:
"Wir
sind in unseren theoretischen Vorüberlegungen davon ausgegangen, dass es
zwischen Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern Meinungsgegensätze gibt,
die bei der Beurteilung der Bickenbacher Spielräume und weiterer Planungen
berücksichtigt werden sollten. Wir haben deshalb den Eltern Fragebögen
zum Freizeitverhalten der Kinder mit nach Hause gegeben. Parallel dazu wurden
die Kinder in den Klassen befragt. Beide Ergebnisse wurden miteinander verglichen
und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet.
|
| Befragung von Grundschülern
|
Die
Studierenden, die sich mit dem Thema Spielräume befasst haben, formulierten
folgende Untersuchungsziele: Welche Orte, Plätze oder Gegenstände
außerhalb der offiziellen Kinderorte spielen für die Kinder eine
Rolle? Dazu wurden die Grundschulkinder in ihren Klassen befragt. Mit den Hortkindern
unternahmen wir Streifzüge, und auch die Eltern wurden befragt.
Drei Gruppen von Studierenden beschäftigten sich mit dem Thema Schule.
Die eine Gruppe wollte herausfinden, welche Erfahrungen die Kinder auf dem Schulhof
machen und was sie von dem Schulhof erwarten. Dazu erstellten die Studentinnen
so genannte Gefühlskarten, auf denen die Kinder farblich kennzeichnen sollten,
welche Stellen des Hofes sie mit welchen Gefühlen verbinden.
|
| Der Pausenhof wird per Fotodokumentation untersucht
|
An vier verschiedenen Positionen stellten wir Kameras auf, um eine Fotodokumentation
des Schulhofgeschehens herzustellen. Die Fotos wurden mit Hilfe eines Rasters
ausgewertet, das Angaben darüber erlaubte, welche Plätze des Schulhofes
in welcher Häufigkeit genutzt wurden.
Die zweite Gruppe untersuchte in einem Workshop mit Kindern aller Klassenstufen
die Vorstellungen, die sie mit dem Schulhof und seinen Möglichkeiten verbinden.
In der dritten Gruppe ging es um den Schulweg. Die Studentinnen wollten wissen,
wie die Kinder tatsächlich von der Schule nach Hause laufen.
Die Bewegung hat bei fast allen Bereichen des Schulhofes einen hohen Stellenwert.
Auch bei den Mädchen dominiert der Wunsch nach Bewegung. In den ersten
beiden Klassenstufen nimmt jedoch die Angst auf dem Bolzplatz viel Raum ein.
Was die Verteilung von Flächen auf dem Schulhof angeht, sagen alle Kinder:
Alle Klassen brauchen gleich viel Platz, also nicht die Kleinen weniger und
die Größeren mehr. Was ist überhaupt auf dem Schulhof wichtig?
Zum einen, dass man sich bewegen kann. Dazu gehört Drehen, Klettern, Wippen,
Schaukeln und die verschiedenen Installationen, mit denen man dieses machen
könnte. Dann aber auch Ausruhen, Gucken, Sitzen, Zusammensitzen, also das
Gegenteil von Bewegung. Und schließlich als zwei besondere Qualitäten
wurden das Malen und Gestalten und das Verstecken genannt.
Das Verstecken spielt für alle Altersstufen wahrscheinlich deshalb eine
wichtige Rolle weil sich die Kinder nach einer oder mehreren Schulstunden unter
der Kontrolle der Lehrerin oder des Lehrers gerne suchenden Blicken entziehen
wollen.
|
| Die Studierenden haben die Streifräume erfasst
|
Für die ersten beiden Klassen hat unsere Untersuchung gezeigt, dass diese
Kinder vor allem in der Hausnähe spielen, d.h. Spielräume sind Hof,
Einfahrt und Garten vor den Häusern. Dies ist auf den Alters- und Entwicklungsstand
zurückzuführen, die Kinder bevorzugen die Sicherheit der gewohnten
Umgebung. Im Gegensatz dazu die Ergebnisse die Kinder der Klassen 3 und 4: Diese
Kinder spielen schon wesentlich weiter vom Haus entfernt. Die bevorzugten Orte
sind: der Sportplatz, der Schulhof und die Schulumgebung, die Waldstücke,
der Feldbereich, die Wiesen und die Straßen.
Den Kleineren ist in erster Linie die Sicherheit wichtig, in Hausnähe jederzeit
Erwachsene zur Verfügung zu haben, etwa Eltern oder Großeltern, die
helfen können. Hinzu kommt die Vielfalt der in Hausnähe vorhandenen
Spielmaterialien. Für die älteren Kinder steht die Abenteuerlust und
die Experimentierfreude im Vordergrund. Sie sind bei ihrem Spiel gerne unbeobachtet,
weil sie sich in der Entwicklungsphase wachsender Autonomie befinden. Darüber
hinaus schätzen die Vielfalt neuen Materials.
Es ging bei unserer Untersuchung um Lieblingsspielorte, um verbotene Spielorte
und um Einschränkungen beim Spiel. Die Kinder haben als Lieblingsspielorte
den Schulhof genannt, gefolgt von Spielplatz und Straße.
Bei der Untersuchung des Schulweges der Kinder fanden wir mit Hilfe von Fragebögen
für Kinder und Eltern verschiedene typische Gefahrenarten heraus. Wir ermittelten
darüber hinaus die Gefahrenstellen und die tatsächlichen Wege der
Kinder. Hierbei verwendeten wir die Methode der Schulwegkartierung.
|
| Kinder markieren mit Kreide ihren Schulweg
|
Die Gefahren des Straßenverkehrs aus Kindersicht liegen unter anderem
in dem Übersehen der roten Ampel durch die Autofahrer bei einem zu hohen
Verkehrsaufkommen. Die PKWs und LKWs fahren nach Meinung von Kindern und Eltern
zu schnell. Auch zu schmale Gehwege stellen eine Gefahrenquelle dar. Gefährlich
sind ebenso unübersichtliche Straßen und Autos, die häufig die
Gehwege als Parkplatz missbrauchen. Die Eltern bemängeln, dass die Ampeln
häufig ausfallen.
Der Vergleich der möglichen Gefahrenstellen mit den tatsächlichen
Schulwegen zeigt, dass die Kinder oft die Straße überqueren, ohne
die Ampel zu nutzen. Aufgrund der vielen Überquerungspunkte der Kinder
an einem Straßenstück entsteht für Autofahrer eine unübersichtliche
Verkehrssituation, die wiederum für die Kinder eine große Gefahr
darstellt.
Die Eltern machen sich Sorgen, ihre Kinder würden von Fremden belästigt.
Sie halten auch die Taxidienste der Eltern, die morgens ihre Kinder zur Schule
bringen und sie mittags wieder abholen, für eine Gefahrenquelle.
|
| Interviews auf dem Spielplatz
|
Bei der Untersuchung der Spielplätze stand nicht nur die alterspezifische
Nutzung des gesamten Spielortes im Vordergrund, sondern auch die unterschiedliche
Nutzung der Geräte. Wir haben systematische Beobachtungen zur Nutzung der
Geräte und des Geländes angestellt, sowie Fragebögen an Grundschüler
der dritten und vierten Klassen und deren Eltern verteilt.
Damit wollten wir herausfinden, wie Kinder und Eltern die Spielplätze bewerten.
Für die Kinder sind nicht nur die Geräte auf den Spielplätzen
wichtig, sondern auch das Spielplatzgelände. Wenn sie z.B., Fußball
oder Fangen spielen möchten, können sie nicht auf einen Spielplatz
gehen, der nur mit Sand ausgestattet oder zu klein ist. Bei unseren Beobachtungen
wurde deutlich, dass die Spielgeräte intensiver genutzt werden als das
Spielpatzgelände.
Lückekinder sind Kinder im Alter zwischen 11 und 13 Jahren. Um diese Altersgruppe
gezielt zu befragen baute diese Gruppe einen Stand an der Straße auf,
wo die Kinder auf ihrem Nachhauseweg von der Schule vorbeikommen. Dort sollten
sie Fragebögen zu ihren Freizeitaktivitäten ausfüllen. Außerdem
konnten sie ihre Wünsche mit grünen oder roten Punkten auf einem Plakat
markieren. Es gibt in Bickenbach jedoch keine eigenen Räume oder Orte für
Lückekinder und Jugendliche in der Öffentlichkeit. Wünsche in
dieser Richtung wurden besonders von den Jugendlichen geäußert.
|
| Die Jugendlichen gehen im Nachbarort zur Schule
|
Deshalb sollte man bei Entscheidungen, die die Kinder betreffen, immer ihre
Sicht zur Kenntnis nehmen und mit einbeziehen. Kein Grund zur Beunruhigung besteht
beim Thema "verbotene Orte": Jedes Kind verstößt irgendwann
einmal bewusst gegen Verbote, so schwierig dies für seine Eltern sich darstellen
kann - dies fördert seine Selbständigkeit. Bickenbacher Kinder sind
in diesem Sinne ganz normale Kinder."