Projekt "Gewalt in der Familie"
(Christian Büttner/Hans Nicklas/Marga Orban-Plasa/Ute Volmerg)
Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Untersuchung (1979/1980) und die
daraus resultierenden Anhaltspunkte für
sozialpolitische Konsequenzen sind im wesentlichen: Der Kreislauf
der Gewalt resultiert aus der "Verschleppung" unerledigter
Konflikte von einer Situation zur nächsten, einer Lebensphase zur nächsten,
Schließlich von einer Generation zur anderen. Aus
ihrer jeweiligen Perspektive sind alle Familienmitglieder an den
Prozessen beteiligt, die schließlich zur Gewalt führen, auch
ihre augenscheinlichen Opfer. Um Gewalt in der Familie zu vermindern,
genügt es nicht, nach den "Schuldigen" zu suchen, seien
es die Männer, die Mütter oder die gesellschaftlichen Verhältnisse; vielmehr
kommt es darauf an, die meisten im verborgenen ablaufenden Prozesse ans Tageslicht
zu bringen und damit im Spannungsfeld zwischen der Kraft des einzelnen Familienmitglieds
und seiner Kränkbarkeit zu einer wechselseitigen Verständigung der Beteiligten
zu kommen.
Gewalt in der Familie ist das Thema einer wissenschaftlichen Untersuchung, die die HSFK für das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales (Nordrhein-Westfalen) durchführt. In der Bundesrepublik werden jährlich mehrere hundert Kinder von ihren eigenen Eltern zu Tode
geprügelt. Diese Zahl ist höher als die Zahl der Kinder, die Opfer eines Gewaltverbrechens werden. Die Zahl der Kindesmisshandlungen -
soweit sie überhaupt polizeilich erfasst wurden - liegt bei ca. 30.000 (1978). Ziel des Forschungsprojekts ist es, Ursachen für dieses
erschreckende Maß an Gewalt, das in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, zu untersuchen und Möglichkeiten für eine Veränderung
zu entwickeln.
Die Familie ist unmittelbarer empirischer Forschung nur schwer zugänglich.
Aus diesem Grunde können die klassischen Instrumente der
Feldforschung wie teilnehmende Beobachtung und Interview nur beschränkt aussagekräftige
Ergebnisse liefern. Mit der Analyse von Rollenspielen und Gruppendiskussionen
zum Thema "Familie" von Kindern und Erwachsenen wählten wir einen empirischen
Zugang, der Rückschlüsse auf das konkrete Gewaltverhalten in den Familien
ermöglicht. In der sozialpädagogischen und sozialtherapeutischen
Arbeit hat sich nämlich gezeigt, dass in Rollenspielen zur Familienthematik
die realen Familienstrukturen und die Mittel, mit denen sie aufrechterhalten
werden, in zweifacher Hinsicht in Erscheinung treten: Zum einen werden
an den Spielabläufen die Prozesse
sichtbar, die zu unmittelbarer Gewaltanwendung führen. Die Phänomenologie
der Konfliktabläufe ist das empirische Ausgangsmaterial
(manifeste Spielinhalte) unserer Untersuchung. Zum anderen sind in
den Gewaltabläufen aber auch die Motive enthalten, die zu
Gewalthandlungen in der Familie führen, d. h. sowohl die Bedürfnisse, Wünsche
und Erwartungen der Kinder als auch die ihnen entgegen stehenden
Motive der Eltern. Diese Motive sind den Beteiligten nicht immer bewusst,
sondern nur mit besonderen -
psychoanalytisch orientierten - Auswertungsverfahren aufzudecken.
Die Interpretationen werden ergänzt durch soziographische Daten sowie durch Angaben der Pädagogen zum Sozial- und Leistungsverhalten
der Kinder. Hierdurch soll es möglich werden, Beziehungen zwischen sozialer Lage der Familie und kindlichen Gewalterfahrungen
einerseits und sozialem Verhalten der Kinder in anderen Lebensräumen (z. B. Schule) andererseits aufzuspüren.
In der Erhebungsphase des Projekts wurden Kontakte zu Institutionen wie Schule und Kindergarten angebahnt, die in möglichst
unterschiedlichen Einzugsbereichen lagen (Randgruppe, Unterschicht, Mittelschicht, obere Mittelschicht) und in denen wir
Rollenspiele von Kindern unterschiedlicher Altersgruppen (von 3 bis 10 Jahre) aufzeichneten. Die Rollenspiele waren zum Teil
thematisch angeleitet, zum Teil entwickelten sie sich aus freien Spielzeiten in den Kindergruppen. Grundlage der Auswertung
sind insgesamt 5 Kindergruppen und Rollenspiele zu den Themen "Muttertag", "Zimmertausch", "Hochzeit" usw.
Die Daten aus den Rollenspielen der Kinder wurden mit Äußerungen von Erwachsenen zur Problematik "Gewalt in der Familie"
kontrastiert. Auf diese Weise sollte herausgefunden werden, welche Gewaltmotive für Eltern und Kinder gleichermaßen gelten
und wo sie sich voneinander unterscheiden.
Im Berichtszeitraum wurde neben der Arbeit in den Kindergruppen die Erwachsenenerhebung vorbereitet und durchgeführt. Zu
dieser Vorbereitung gehörte die Kontaktaufnahme mit einer geeigneten und interessierten Elterngruppe, die Entwicklung eines
Grundreizes (Videofilm über familiäre Probleme von Jugendlichen) für die Gruppendiskussion sowie eines Seminarkonzepts, in
das die Erhebung sinnvoll eingefügt werden konnte. Sie wurde im Rahmen eines Tagesseminars mit 9 Teilnehmern, Eltern aus
Mittelschichtfamilien, Ende November 1980 durchgeführt. Im ersten Abschnitt des Seminars wurde über einen Film diskutiert,
in dem Jugendliche ihre Probleme mit Erwachsenen darstellen. Die Diskussion orientierte sich an den Fragen: 1. Brauchen
unsere Kinder mehr Freiheit? Und 2. was brauchen Eltern von ihren Kindern? Im zweiten Abschnitt des Seminars wurden
Familienkonflikte im Rollenspiel simuliert. Die Erwachsenen hatten die Aufgabe, in den Rollen von Eltern und Kindern
typische Konfliktverläufe, wie sie auch in ihren eigenen Familien vorkommen könnten, zur Anschauung zu bringen. Thematisch
beziehen sich die beiden Rollenspiele der Erwachsenen auf zwei Szenenvorgaben aus der Kindererhebung. Für die Auswertung stehen
uns also Daten von Eltern und Kindern zu zwei Rollenspielen gleichen Inhalts zur Verfügung.
In den Rollenspielen der Kinder bestätigte sich nicht die allgemeine Auffassung, Kinder ahmten im Spiel lediglich
Gewalthandlungen nach, die ihnen durch Film, Fernsehen und Kinderliteratur vermittelt werden. In den Spielen verwenden
die Kinder zwar Teile aus Fernsehsendungen, lassen aber nicht das "Gerechte" oder "Gute" siegen: In ihren Rollenspielen
bleiben "Eltern" und "Kinder" böse. Und - folgt man den Familienszenen,
die sie spielen -, so haben sie auch allen Grund dazu:
In ihren Erfahrungen spiegeln sich Schläge genauso wie Aussperrung, Nahrungsentzug, Herabsetzung, Entwürdigung, ja sogar
Verleugnung ihrer eigenen Person wider. Durchgängig zeigen sie, dass in ihren Familien alles Feindselige, alle negativen
Gefühle, alles, was der gesellschaftlichen Norm einer "glücklichen" Familie nicht entspricht, unterdrückt wird bzw. unterdrückt
werden muss ("die Nachbarn dürfen das nicht merken") und auf die vielfältigste Art als "Familienmüll" auf. die "Schwachen"
in der Familie - seien dies Frauen, Männer oder Kinder verlagert wird.
Eine wichtige Ursache für die gewaltsame Atmosphäre in vielen Familien liegt in der herrschenden Familienideologie der "heilen
Welt". Wo der Widerspruch zwischen diesem Anspruch und die reale Wirklichkeit in den Familien zu groß geworden ist, so dass die
Familienmitglieder den Spannungen hilflos gegenüberstehen, sind oft Gewalthandlungen die Folge. Deshalb muss ein Ziel
sozialpolitischer Aufklärung sein, den Familien das "Aushalten" ihrer "Peinlichkeiten" zu erleichtern. Sinnvolle Aufklärung
muss also dazu ermutigen, zu dem zu stehen, was ist! Das heißt, es muss Müttern zugestanden sein, ihre Kinder auch einmal
"hassen" zu können. Es muss Kindern zugestanden sein, auch einmal "böse" auf ihre Eltern zu sein. Erst die Anerkennung der
Konflikte und gegensätzlichen Interessen erlauben es, in der Familie gemeinsam vernünftige Lösungen für die Probleme zu finden.
Zugleich muss über neue Formen der Hilfe für Familien nachgedacht werden, bei denen Gewalt zum akuten Problem geworden ist.
Solche Formen müssten von der Grundüberlegung ausgehen, dass jede Hilfe - sei sie materieller oder sozialtherapeutischer Art -
am Verständnis der Familiensituation anknüpfen muss. In diesem Sinne sollten Institutionen unterstützt und weiterentwickelt
werden, die bereits Hilfe nach solchen Prinzipien anbieten (wie z. B. das Kinderschutzzentrum in Berlin).