Prof. Dr. Christian Büttner

Gruppenkonzepte



Das Thema Gruppenkonzepte ist - nicht zuletzt dank meiner gruppenanalytischen Ausbildung - eines meiner Wichtigsten. Warum ich es besonders wichtig für die Sozialpädagogik halte, das habe ich in einem meiner Bücher Gruppenarbeit beschrieben:

Fast alle Pädagogen und Pädagoginnen arbeiten mit Gruppen. Gruppenarbeit ist in der Pädagogik so alltäglich, dass kaum jemand auf die Idee kommt, er habe es neben den Kindern oder Erwachsenen vor ihm (außerdem) noch mit einem Medium zu tun, das eigenen Gesetzen und einer eigenen Dynamik folgt. Wenn in den pädagogischen Beziehungen etwas schief geht, wird folglich auch ein Einzelner oder ein Teil der Gruppe verantwortlich gemacht. Es wird individualisiert, pathologisiert, exemplarisch bestraft oder einfach ratlos reagiert - meist ohne Erfolg. Der "verhaltensgestörte" Junge, das "verhaltensgestörte" Mädchen gelten als "schuldig" für das, was in der sozialen Gemeinschaft passiert. Die Gruppe kann dann zum Schauplatz exemplarischer Bestrafung des vermeintlichen ,,Alleintäters" werden. Dabei kann man, wenn man sich in die Beobachterposition begibt, ganz gut sehen, dass es in einer Gruppe die Akteure gibt, die Zuschauer und die "heimlichen" Drahtzieher, die alle irgendwie aufeinander bezogen sind.

Man müsste eigentlich wissen, dass sich die Menschen in der Regel in sozialen Bezügen nicht unabhängig voneinander verhalten und dass der bei weitem nicht unwichtigste in den Gruppenbezügen der Pädagoge, die Pädagogin selbst ist.

Meiner Auffassung nach gibt es eine Art Blindheit gegenüber dem Medium Gruppe, seinen Möglichkeiten, seinen Grenzen, vor allem aber der Bedeutung des Gruppenleiters oder der Gruppenleiterin für das Leben in der Gruppe. Dabei gibt es nach nun mehr als 50 Jahren Psychologie der Gruppe, Gruppendynamik und Gruppenanalyse genügend Hinweise und Ideen, wie das Medium Gruppe verstanden und genutzt werden kann, welche Hilfsmittel für den Umgang mit Gruppen existieren und wie Gruppe und Institution zusammenwirken. Dennoch werden diese Erkenntnisse, diese Ideen in der pädagogischen Aus- und Fortbildung bisher nur wenig vermittelt. Ich habe immer wieder feststellen müssen, dass Mitarbeiter in pädagogischen Teams zwar über genügend eigene Erfahrungen als Gruppenmitglieder verfügen, etwa aus der Schulzeit oder in ihren Erwachsenengruppierungen, sie scheinen aber weitgehend die Fähigkeit verloren zu haben, diese Erfahrungen in ihrer eigenen Arbeit, nun als Leiterinnen oder Leiter von Gruppen, wiederzuerkennen, so als ob sie für das, was ihnen nun von den Gruppenteilnehmern entgegenkommt, blind geworden wären. Am häufigsten schlägt sich das darin nieder, dass für sie "Gruppe" lediglich die Zusammenstellung von Menschen zu bestimmten Aktivitäten ist. Die Gruppe muss dann über Fähigkeiten verfügen, die sie eigentlich erst in einem längeren (Wachstums-)Prozess entwickeln kann. Von der Spiegelung des Gruppenverhaltens, etwa in pädagogischen Teams, auf die Kindergruppen ganz zu schweigen.

Allein wenn man die These vom Lernen am Modell zugrunde legte: Was könnten Kindergruppen von Erwachsenengruppen lernen, die in sich zerstritten, gespalten und heillos verwahrlost erscheinen? Was sollten sie von Leitern der Einrichtungen halten, die - wie viele Rektoren an Schulen - kaum über Qualifikationen der Führung von Mitarbeitern, geschweige denn über subtile Kenntnisse der Gruppen- und Institutionsprozesse verfügen?

Der Preis für diese Unkenntnis und der Preis für die fehlende Intuition, die einzelne Pädagogen immer wieder im Umgang mit Gruppen haben, ist hoch: Dort, wo Unverstandenes in Gewalt mündet, fordert es Ausgrenzung, Reparatur, Folgekosten, ganz zu schweigen von den individuellen Belastungen für Täter und Opfer.

Möglicherweise wurzelt das Dilemma in einem weit verbreiteten Verständnis von Pädagogik schlechthin: diesem Verständnis zufolge geht die gezielte Beeinflussung, Unterweisung und Unterrichtung, Förderung und Begrenzung von Zöglingen ja in erster Linie von dem aus, was werden soll. Bestimmte Kenntnisse müssen demnach vermittelt werden, bestimmte soziale Fertigkeiten sollen ausgebildet werden, ein bestimmtes vorgeschriebenes Sozialverhalten soll erreicht werden. Und der Pädagoge muss sich als Agent dieser Ziele begreifen. Man erwartet von ihm, dass er all dieses herstellen soll. Dabei ist es aber sein Klient, der lernen und damit etwas aktiv und kreativ angehen soll: Es ist eigentlich dessen Leistung.

Die Arbeit mit der Gruppe dagegen verlangt eine andere Priorität: die Eingabe dessen, was gelernt werden soll, zu dem Zeitpunkt, zu dem eine Gruppe diese Leistung auch vollbringen kann - und zwar die Gruppe, nicht die einzelnen. Denn jeder Einzelne ist in seinem Lernen von der Gruppe, d.h. von den anderen Gruppenmitgliedern, mehr oder weniger abhängig. Niemand lernt allein.

Man darf sich also nicht wundern. Wenn Pädagogen Abhängigkeitsverhältnisse herstellen und um jeden Preis aufrecht erhalten, dann ist das nur unter großen Energie- und Reibungsverlusten möglich gegenüber Menschen, die wachsen und sich - möglicherweise auch noch im hohen Alter - entwickeln. Und das nicht nur in ihren Fähigkeiten, sondern auch in ihrer Autonomie, ihren Lebensweg - und das heißt auch ihren Bildungsweg - selbst zu bestimmen.

Mein Lehrangebot umfasste sowohl Theorie-Seminare als auch Seminare mit Selbsterfahrungscharakter. Zum Teil habe ich auch Video in den Seminaren eingesetzt, etwa in "Entwicklungspsychologie" (Prolepsis) oder "Gruppe und soziale Arbeit.


Ein Beispiel aus der Praxisberatung einer Studiengruppenteilnehmerin, in dem das Ringen um das Konzept Gruppe deutlich wird, kann als pdf-Datei eingesehen werden.


Hier eine Auswahl aus der empfohlenen Literatur (SS 2005):


Argelander, H.: Gruppenprozesse. Wege zur Anwendung der Psychoanalyse in Behandlung, Lehre und Forschung, Reinbek 1972

Badawia, T.: Der dritte Stuhl, Frankfurt 2002

Bion, W. R.: Erfahrungen in Gruppen, Stuttgart 1971

Boothe, B.: Über die Vaterrolle in der Gruppe und die Anstrengung, wahrhaftig zu sein, in: Gruppenpsych. u. Gruppendynam. 4/1991, S. 303-314

Büttner, C./Nagel, G. (Hrsg.): Alles Machos und Zicken? Zur Gleichstellung von Jungen und Mädchen in Kindertageseinrichtungen, Seelze-Velber 2003

Büttner, C.: Gruppenarbeit - eine psychoanalytisch-pädagogische Einführung, Mainz 1995

Büttner, C.: Subkulturelle Aspekte des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen, in: Krebs, H./Eggert Schmid-Noerr (Hg.): Lebensphase Adoleszenz. Junge Frauen und Männer verstehen, Mainz 1997, S. 80-92

Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart (Klett) 1976.

Finger-Trescher, U./Büttner, C.: Ergebnisse der psychoanalytischen Kleingruppenforschung und ihre Übertragbarkeit auf die pädagogische Praxis, in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe. Erfahrungen aus dem pädagogischen Alltag, Mainz 1987, S. 134-149

Finger-Trescher, U.: Grundlagen der Arbeit mit Gruppen - Methodisches Arbeiten im Netzwerk der Gruppe, in: Muck, M./Trescher, H.-G. (Hg.): Grundlagen der Psychoanalytischen Pädagogik, Mainz 1993, S. 205-236

Geißler, K. A.: Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte, Weinheim (Beltz) 1994.

Geißler, K. A.: Lernprozesse steuern. Übergänge: Zwischen Willkommen und Abschied, Weinheim (Beltz) 1995.

Geißler, K. A.: Schlußsituationen. Die Suche nach dem guten Ende, Weinheim (Beltz) 1992.

Hofmann, C.: Gruppenanalytisch orientierte Arbeit mit geistig behinderten Männern und Frauen, in: Büttner, C./Datler, W./Trescher, H.-G. (Hg.): Jahrbuch der Psychoanalytischen Pädagogik, Band 5, Mainz 1993

John, R.: Ein Bild sagt mehr als tausend Wort. Symbole in der Supervision und Beratungsarbeit, Hille (Ursel Busch Fachverlag) 1995.

Königswieser, R.: Mutter - Hexe - Trainerin. Was spielt sich ab, wenn eine Frau das Training leitet? In: Gruppendynamik 3/1981, S. 193 - 207

Lander, H.-M./Zohner, M.-R.: Trauer und Abschied. Ritual und Tanz für die Arbeit mit Gruppen, Mainz (Matthias Grünewld) 1992.

Langmaack, B./Braune-Krickau, M.: Wie die Gruppe laufen lernt. Anregungen zum Planen und Leiten von Gruppen. Ein praktisches Lehrbuch, Weinheim (Beltz) 1995.

Müller, B.: Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit, Freiburg 1994

Pritz, A.: Paarbildung und Triangulierung in der gruppenanalytischen Psychotherapie, in: Ritter-Röhr, D. von: Gruppenanalytische Exkurse, Berlin 1988, S. 49-64

Pühl, H.: Angst in Gruppen und Institutionen, Frankfurt (Fischer) 1988.

Reich-Büttner, U.: Du bist schuld. Einblick in schulische Gruppenprozesse, in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe, Mainz 1987

Rost, D.: Als männlicher Leiter in einer Frauengruppe, in: Gruppendynamik 1/1987, S. 611-72

Sader, M.: Psychologie der Gruppe, Weinheim (Juventa) 1991.

Sandner, D.: Psychodynamik in Kleingruppen, München 1978Schmidt-Grunert, M.: Soziale Arbeit in Gruppen. Eine Einführung, Freiburg (Lambertus) 1997.

Schwarz, G.: Die heilige Ordnung der Männer. Patriarchalische Hierarchie und Gruppendynamik, Opladen 1985

Selvini- Palazzoli, M./Anolli, L./Di Blasio, P./Giossi, L./Pisano, I./Ricci, C./Sacchi, M./Ugazio, V.: Hinter den Kulissen der Organisation, Stuttgart (Klett) 1985.

Streeck-Fischer,A.: "Geil auf Gewalt'. Psychoanalytische Anmerkungen zu Adoleszenz und Rechtsextremismus. In. Psyche, 46, 745-768, 1992

Tertilt, H.: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande, Frankfurt 1996

Trescher, H.-G./Finger-Trescher, U.: Setting und Holding-Function. Über den Zusammenhang von äußerer Strukturbildung und innerer Struktur, in: Finger-Trescher, U./Trescher, H.-G. (Hg.): Aggression und Wachstum, Mainz 1992

Trescher, H.-G.: Bedeutung und Wirkung szenischer Auslösereize in Gruppen, in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe, Mainz 1987,

S. 150-161 Trescher, H.-G.: Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik, Mainz 1990

Trescher, H.-G.: Wer versteht kann (manchmal) zaubern, in: Leber, A. u. a.: Reproduktion der frühen Erfahrung, Franfurt 1983, S. 197 - 211

Vogelgesang, W.: Jugendliche Video-Cliquen. Action- und Horrorvideos als Kristallisationspunkte einer neuen Fankultur, Opladen 1991

Wegeler, C.: "Hochzeit auf marokkanisch". Sozialpädagogische Arbeit mit einer türkisch-marokkanischen Mädchengruppe, in: Büttner u.a. (Hg.): Brücken und Zäune. Interkulturelle Pädagogik zwischen Fremdem und Eigenem, Gießen 1998, S. 151-174

Wellendorf, F.: Zur Bedeutung der Gruppe im Konfliktfeld sozialer Institutionen, in: Trescher, H.-G./Leber, A./Büttner, C. (Hg.): Die Bedeutung der Gruppe für die Sozialisation. Beruf und Gesellschaft, Göttingen 1985, S. 78-93.