Gruppenkonzepte
Das Thema Gruppenkonzepte ist - nicht zuletzt
dank meiner gruppenanalytischen Ausbildung - eines meiner Wichtigsten.
Warum ich es besonders wichtig für die Sozialpädagogik halte, das habe ich
in einem meiner Bücher
Gruppenarbeit beschrieben:
Fast alle Pädagogen und Pädagoginnen arbeiten mit Gruppen. Gruppenarbeit
ist in der Pädagogik so alltäglich, dass kaum jemand auf die
Idee kommt, er habe es neben den Kindern oder Erwachsenen vor
ihm (außerdem) noch mit einem Medium zu tun, das eigenen Gesetzen und
einer eigenen Dynamik folgt. Wenn in den pädagogischen Beziehungen etwas
schief geht, wird folglich auch ein Einzelner oder
ein Teil der Gruppe verantwortlich gemacht. Es wird individualisiert,
pathologisiert, exemplarisch bestraft oder einfach ratlos reagiert
- meist ohne Erfolg. Der "verhaltensgestörte" Junge, das "verhaltensgestörte" Mädchen
gelten als "schuldig" für das, was in der sozialen Gemeinschaft
passiert. Die Gruppe kann dann zum Schauplatz exemplarischer
Bestrafung des vermeintlichen ,,Alleintäters" werden. Dabei kann man, wenn
man sich in die Beobachterposition begibt, ganz gut sehen, dass
es in einer Gruppe die Akteure gibt, die Zuschauer und die "heimlichen"
Drahtzieher, die alle irgendwie aufeinander bezogen sind.
Man müsste eigentlich wissen, dass sich die Menschen in der Regel in sozialen Bezügen nicht unabhängig voneinander verhalten und dass der
bei weitem nicht unwichtigste in den Gruppenbezügen der Pädagoge, die Pädagogin selbst ist.
Meiner Auffassung nach gibt es eine Art Blindheit gegenüber dem Medium Gruppe,
seinen Möglichkeiten, seinen Grenzen, vor allem aber der
Bedeutung des Gruppenleiters oder der Gruppenleiterin für das Leben in der
Gruppe. Dabei gibt es nach nun mehr als 50 Jahren Psychologie
der Gruppe, Gruppendynamik und Gruppenanalyse genügend Hinweise und Ideen,
wie das Medium Gruppe verstanden und genutzt werden kann, welche
Hilfsmittel für den Umgang
mit Gruppen existieren und wie Gruppe und Institution zusammenwirken.
Dennoch werden diese Erkenntnisse, diese Ideen in der pädagogischen
Aus- und Fortbildung bisher nur wenig vermittelt. Ich habe immer
wieder feststellen müssen, dass Mitarbeiter in pädagogischen Teams zwar
über genügend eigene Erfahrungen als Gruppenmitglieder verfügen, etwa aus
der Schulzeit oder in ihren Erwachsenengruppierungen, sie scheinen
aber weitgehend die Fähigkeit verloren zu haben, diese Erfahrungen in ihrer
eigenen Arbeit, nun als Leiterinnen oder Leiter von Gruppen,
wiederzuerkennen, so als ob sie für das, was ihnen nun von den Gruppenteilnehmern
entgegenkommt, blind geworden wären.
Am häufigsten schlägt sich das darin nieder, dass für sie "Gruppe" lediglich
die Zusammenstellung von Menschen zu bestimmten Aktivitäten
ist. Die Gruppe muss dann über Fähigkeiten verfügen, die sie eigentlich erst
in einem längeren
(Wachstums-)Prozess entwickeln kann. Von der Spiegelung des Gruppenverhaltens,
etwa in pädagogischen Teams, auf die Kindergruppen ganz
zu schweigen.
Allein wenn man die These vom Lernen am Modell zugrunde legte:
Was könnten Kindergruppen von Erwachsenengruppen lernen, die in sich
zerstritten, gespalten und heillos verwahrlost erscheinen? Was
sollten sie von Leitern der Einrichtungen halten, die - wie viele
Rektoren an Schulen - kaum über Qualifikationen der Führung von Mitarbeitern,
geschweige denn über subtile Kenntnisse der Gruppen- und Institutionsprozesse
verfügen?
Der Preis für diese Unkenntnis und der Preis für die fehlende Intuition, die einzelne Pädagogen immer wieder im Umgang mit Gruppen
haben, ist hoch: Dort, wo Unverstandenes in Gewalt mündet, fordert es Ausgrenzung, Reparatur, Folgekosten, ganz zu schweigen von den
individuellen Belastungen für Täter und Opfer.
Möglicherweise wurzelt das Dilemma in einem weit verbreiteten Verständnis
von Pädagogik schlechthin: diesem Verständnis zufolge geht
die gezielte Beeinflussung, Unterweisung und Unterrichtung, Förderung und
Begrenzung von Zöglingen ja in erster Linie von dem aus,
was werden soll. Bestimmte Kenntnisse müssen demnach vermittelt werden, bestimmte
soziale Fertigkeiten sollen ausgebildet werden, ein bestimmtes
vorgeschriebenes Sozialverhalten soll erreicht werden. Und der
Pädagoge muss
sich als Agent dieser Ziele begreifen. Man erwartet von ihm,
dass er all dieses herstellen soll. Dabei ist es aber sein Klient,
der lernen und damit etwas aktiv und kreativ angehen soll: Es
ist eigentlich dessen Leistung.
Die Arbeit mit der Gruppe dagegen verlangt eine andere Priorität: die Eingabe
dessen, was gelernt werden soll, zu dem Zeitpunkt, zu dem eine
Gruppe diese Leistung auch vollbringen kann - und zwar die Gruppe, nicht
die einzelnen. Denn jeder Einzelne ist in seinem Lernen von der Gruppe, d.h.
von den anderen Gruppenmitgliedern, mehr oder weniger abhängig. Niemand lernt
allein.
Man darf sich also nicht wundern. Wenn Pädagogen Abhängigkeitsverhältnisse herstellen und um jeden Preis aufrecht erhalten, dann ist das
nur unter großen Energie- und Reibungsverlusten möglich gegenüber Menschen, die wachsen und sich - möglicherweise auch noch im hohen
Alter - entwickeln. Und das nicht nur in ihren Fähigkeiten, sondern auch in ihrer Autonomie, ihren Lebensweg - und das heißt auch ihren
Bildungsweg - selbst zu bestimmen.
Mein Lehrangebot umfasste sowohl Theorie-Seminare als auch Seminare
mit Selbsterfahrungscharakter. Zum Teil habe ich auch Video in
den Seminaren eingesetzt, etwa in "Entwicklungspsychologie"
(Prolepsis) oder "Gruppe und soziale Arbeit.
Ein Beispiel aus der Praxisberatung einer Studiengruppenteilnehmerin, in dem das Ringen um das Konzept Gruppe
deutlich wird, kann als pdf-Datei eingesehen werden.
Hier eine Auswahl aus der empfohlenen Literatur (SS 2005):
Argelander, H.: Gruppenprozesse. Wege zur Anwendung der Psychoanalyse in Behandlung, Lehre und Forschung, Reinbek 1972
Badawia, T.: Der dritte Stuhl, Frankfurt 2002
Bion, W. R.: Erfahrungen in Gruppen, Stuttgart 1971
Boothe, B.: Über die Vaterrolle in der Gruppe und die Anstrengung, wahrhaftig zu sein, in: Gruppenpsych. u. Gruppendynam. 4/1991, S. 303-314
Büttner, C./Nagel, G. (Hrsg.): Alles Machos und Zicken? Zur Gleichstellung von Jungen und Mädchen in Kindertageseinrichtungen, Seelze-Velber 2003
Büttner, C.: Gruppenarbeit - eine psychoanalytisch-pädagogische Einführung, Mainz 1995
Büttner, C.: Subkulturelle Aspekte des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen, in: Krebs, H./Eggert Schmid-Noerr (Hg.): Lebensphase Adoleszenz.
Junge Frauen und Männer verstehen, Mainz 1997, S. 80-92
Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart (Klett) 1976.
Finger-Trescher, U./Büttner, C.: Ergebnisse der psychoanalytischen Kleingruppenforschung und ihre Übertragbarkeit auf die pädagogische Praxis,
in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe. Erfahrungen aus dem pädagogischen Alltag, Mainz 1987, S. 134-149
Finger-Trescher, U.: Grundlagen der Arbeit mit Gruppen - Methodisches Arbeiten im Netzwerk der Gruppe, in: Muck, M./Trescher, H.-G. (Hg.):
Grundlagen der Psychoanalytischen Pädagogik, Mainz 1993, S. 205-236
Geißler, K. A.: Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte, Weinheim (Beltz) 1994.
Geißler, K. A.: Lernprozesse steuern. Übergänge: Zwischen Willkommen und Abschied, Weinheim (Beltz) 1995.
Geißler, K. A.: Schlußsituationen. Die Suche nach dem guten Ende, Weinheim (Beltz) 1992.
Hofmann, C.: Gruppenanalytisch orientierte Arbeit mit geistig behinderten Männern und Frauen, in: Büttner, C./Datler, W./Trescher, H.-G. (Hg.):
Jahrbuch der Psychoanalytischen Pädagogik, Band 5, Mainz 1993
John, R.: Ein Bild sagt mehr als tausend Wort. Symbole in der Supervision und Beratungsarbeit, Hille (Ursel Busch Fachverlag) 1995.
Königswieser, R.: Mutter - Hexe - Trainerin. Was spielt sich ab, wenn eine Frau das Training leitet? In: Gruppendynamik 3/1981, S. 193 - 207
Lander, H.-M./Zohner, M.-R.: Trauer und Abschied. Ritual und Tanz für die Arbeit mit Gruppen, Mainz (Matthias Grünewld) 1992.
Langmaack, B./Braune-Krickau, M.: Wie die Gruppe laufen lernt. Anregungen zum Planen und Leiten von Gruppen. Ein praktisches Lehrbuch, Weinheim
(Beltz) 1995.
Müller, B.: Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit, Freiburg 1994
Pritz, A.: Paarbildung und Triangulierung in der gruppenanalytischen Psychotherapie, in: Ritter-Röhr, D. von: Gruppenanalytische Exkurse, Berlin
1988, S. 49-64
Pühl, H.: Angst in Gruppen und Institutionen, Frankfurt (Fischer) 1988.
Reich-Büttner, U.: Du bist schuld. Einblick in schulische Gruppenprozesse, in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe, Mainz 1987
Rost, D.: Als männlicher Leiter in einer Frauengruppe, in: Gruppendynamik 1/1987, S. 611-72
Sader, M.: Psychologie der Gruppe, Weinheim (Juventa) 1991.
Sandner, D.: Psychodynamik in Kleingruppen, München 1978Schmidt-Grunert, M.: Soziale Arbeit in Gruppen. Eine Einführung, Freiburg (Lambertus) 1997.
Schwarz, G.: Die heilige Ordnung der Männer. Patriarchalische Hierarchie und Gruppendynamik, Opladen 1985
Selvini- Palazzoli, M./Anolli, L./Di Blasio, P./Giossi, L./Pisano, I./Ricci, C./Sacchi, M./Ugazio, V.: Hinter den Kulissen der Organisation,
Stuttgart (Klett) 1985.
Streeck-Fischer,A.: "Geil auf Gewalt'. Psychoanalytische Anmerkungen zu Adoleszenz und Rechtsextremismus. In. Psyche, 46, 745-768, 1992
Tertilt, H.: Turkish Power Boys. Ethnographie einer Jugendbande, Frankfurt 1996
Trescher, H.-G./Finger-Trescher, U.: Setting und Holding-Function. Über den Zusammenhang von äußerer Strukturbildung und innerer Struktur, in:
Finger-Trescher, U./Trescher, H.-G. (Hg.): Aggression und Wachstum, Mainz 1992
Trescher, H.-G.: Bedeutung und Wirkung szenischer Auslösereize in Gruppen, in: Büttner, C./Trescher, H.-G. (Hg.): Chancen der Gruppe, Mainz 1987,
S. 150-161
Trescher, H.-G.: Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik, Mainz 1990
Trescher, H.-G.: Wer versteht kann (manchmal) zaubern, in: Leber, A. u. a.: Reproduktion der frühen Erfahrung, Franfurt 1983, S. 197 - 211
Vogelgesang, W.: Jugendliche Video-Cliquen. Action- und Horrorvideos als Kristallisationspunkte einer neuen Fankultur, Opladen 1991
Wegeler, C.: "Hochzeit auf marokkanisch". Sozialpädagogische Arbeit mit einer türkisch-marokkanischen Mädchengruppe, in: Büttner u.a. (Hg.):
Brücken und Zäune. Interkulturelle Pädagogik zwischen Fremdem und Eigenem, Gießen 1998, S. 151-174
Wellendorf, F.: Zur Bedeutung der Gruppe im Konfliktfeld sozialer Institutionen, in: Trescher, H.-G./Leber, A./Büttner, C. (Hg.): Die Bedeutung
der Gruppe für die Sozialisation. Beruf und Gesellschaft, Göttingen 1985, S. 78-93.