Projekt "Sprach- und Orientierungskurse für neu zuziehende Migranten"
(Christian Büttner)
Das Pilotprojekt des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt (AmkA) "Sprach- und Orientierungskurse für neu zuziehende Ausländerinnen und
Ausländer" bot zum Zeitpunkt der Projektinstallation ein mit dem Berechtigungsschein für einen Sprachkurs verknüpftes kostenloses, muttersprachliches
Orientierungskursangebot für neu ankommende Migrantinnen und Migranten. Auf diese Angebote wurden die Zuwanderer von Beamten hingewiesen, die an den entsprechenden
Ankunftsstellen in Ämtern arbeiten und auf diese Aufgabe in einem halbtägigen Kurs vorbereitet wurden. Die Beamten bekamen dazu eine Begrüßungsmappe in den
Pilotprojektsprachen Englisch, Türkisch, Arabisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Serbisch, Kroatisch. In dieser Begrüßungsmappe gab es einen Adressabschnitt,
mit dem sich die Migrantinnen und Migranten anmelden konnten. Weitere Zugangswege waren u.a. Informationen, die über Migrantenorganisationen weitergegeben werden
sowie eine Mund-zu-Mund-Propaganda.
Die Koordination für die Weitervermittlung in die Sprach- und Orientierungskurse lag beim Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt.
Kooperationen mit Sprachkursanbietern und Organisationen, die Integrationshilfen anboten, sowie den Ämtern, die in die Aufnahmeroutinen eingebunden waren,
hatten dazu geführt, dass das Projekt die kommunalen Ressourcen nutzen konnte. Die Sprach- und Orientierungskurse wurden in der Regel in den Räumen der
kooperierenden Bildungsträger durchgeführt.
Die wissenschaftliche Begleitung durch die HSFK beschränkte sich auf die Orientierungskurse, soweit sie vom AmkA konzipiert, angeboten und begleitet wurden.
Ziel ist eine exemplarische Beschreibung und Bewertung der Orientierungskursangebote mit u.a. folgenden Fragestellungen: Was wurde von den Migrantinnen und
Migranten und den Kursleitungen als hilfreich empfunden, wie bezieht sich dies auf die spezifischen Lebensumstände (Lebens- und Berufskontext, Vorerfahrungen,
persönliche Stabilität etc.) und ihre Zukunftsperspektive? Was war hinderlich? Was sollte man nach Meinung von Migrantinnen und Migranten und
Orientierungskursleiterinnen und -leitern in Zukunft probieren oder verändern?
Durch die Befragung einzelner mit den Sprach- und Orientierungsangeboten befasster Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ämtern und Organisationen wurden sensible
Elemente der "Begrüßung" von Migrantinnen und Migranten genauer untersucht. Hierbei ging es u.a. um die Frage der optimalen Nutzung von Ressourcen, die Gestaltung
curricularer Elemente eines Eingliederungsangebotes, aber auch um die institutionell-organisatorischen und individuellen Voraussetzungen.
Im Kernbereich der wissenschaftlichen Begleitung stand die Befragung ausgewählter Migrantinnen und Migranten zu ihren Erfahrungen mit den jeweils gewählten
Orientierungshilfen sowie ausgewählter Kursleiterinnen und -leiter in Form eines halbstrukturierten Interviews. Wesentliche Gesichtspunkte waren: Was empfanden
Kursleiterinnen und -leiter, Migrantinnen und Migranten als hilfreich, wie bezogen sich die curricularen Elemente der Orientierungskurse auf die spezielle
Lebenssituation der Migrantinnen und Migranten (Lebens- und Berufskontext, Vorerfahrungen, persönliche Stabilität und Zukunftsperspektiven) und auf die
didaktischen Vorerfahrungen und Voraussetzungen der Kursleiterinnen und -leiter? Was war förderlich, was war hinderlich? Was sollte man in Zukunft probieren?
Die wissenschaftliche Begleitung wurde in Zusammenarbeit mit
dem
Studienschwerpunkt "Vertrautheit und Fremdheit" an der Ev.
Fachhochschule Darmstadt (Leitung: Prof. Dr. Cornelia Mansfeld) durchgeführt.
In diesem Rahmen entstand auch die Diplomarbeit von Jochen Böhler: "Soziales
und politisches Engagement von Migrantinnen und Migranten in
deutschen Organisationen: Sein Beitrag zur Integration und Folgerung
für
die interkulturelle soziale Arbeit", auf die in der Vorstudie Bezug genommen
wird. Die Interviews in der Anfangsphase des Projektes führten Claudia Heiler
(Ev. Fachhochschule Darmstadt, EFH) und Zebiba Teklay (Universität Gießen).
In die wissenschaftliche Begleitung dieses Zeitabschnittes waren
weiterhin Frau Dorothee Dietrich (Universität Trier) und Gülcan Serin (Ev.
Fachhochschule Darmstadt) eingebunden. Die Interviews mit den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bildungsinstitutionen sowie
den Kursleiterinnen und -leitern führte ich selbst durch. Die
muttersprachlichen Interviews mit den Migrantinnen und Migranten
wurden von Antonieta Gonzalez,
Magdalena Kladzinski, Hanna Robisch, Zeynep Gülsin und Sobiha Ouataleb geführt. Cornelia
Mansfeld betreute die studentischen Hilfskräfte der EFH. Sie waren Teilnehmerinnen
des Studienschwerpunkts, den Cornelia Mansfeld gemeinsam mit
Birgit Bender-Junker leitete.
Die Projektgestaltung erwies sich aus der Perspektive der wissenschaftlichen Begleitung anfänglich teilweise als etwas unübersichtlich (ein Mitarbeiter eines
Bildungsträgers begründete seine Geduld und sein Wohlwollen gegenüber einigen kritischen Abschnitten der Anfangszeit mit seiner Erfahrung, dass man bei solchen
Projekten immer mit einem chaotischen Anfang rechnen müsse): Die anfänglich ausgewiesene Begrenzung des AmkA-Vorhabens auf ein "Pilotprojekt" mit einem definierten
Umfang wurde nach und nach so ausgeweitet, dass es z.T. schwierig war, eine verlässliche Planung der wissenschaftlichen Begleitung und der entsprechenden
Arbeitschritte durchzuführen. Dies betraf zum einen die Übernahme von Aufgaben, die die kooperierenden Trägerorganisationen zu integrieren versuchten (etwa
in die Entwicklung eines Sprach- und Orientierungscurriculums), zum anderen die Organisation sowohl der Kurse für die Sprach- und Orientierungskursleiterinnen
und -leiter und der Sprach- und Orientierungskurse für die Migrantinnen und Migranten. Mit diesen Schwierigkeiten der einzelnen Projekt-Kooperationspartner
einschließlich der wissenschaftlichen Begleitung gingen in den letzten beiden Jahren verstärkte politische Auseinandersetzungen um die Sprachförderung von
Migrantinnen und Migranten einher (wer darf wie anbieten, wer bezahlt, wer organisiert?), die auch die Projektarbeit selbst teilweise unverhältnismäßig
erschwerten.
Die Vielfalt der einzelnen Migrationsschicksale (Herkunft, Bildungsstand, Lebenssituation etc.) einerseits sowie die Unwägbarkeiten im Hinblick auf Anzahl und
Herkunft potentieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer andererseits trugen zu laufenden Überarbeitungen des Projektkonzepts bei, bis es sich zu dem jetzigen Modell
stabilisiert hatte:
"Die Orientierungskurse (ca. 40 Unterrichtsstunden) liefern erste wichtige Informationen über die Stadt Frankfurt am Main, deren Institutionen und öffentliche
Einrichtungen. Es ist beabsichtigt, die Teilnehmer/-innen mit erstem Basiswissen beim Einstieg ins Alltagsleben zu unterstützen. Die Kurse vermitteln zudem erste
Kenntnisse über das Rechtssystem und die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland. Sie werden herkunftssprachlich durchgeführt. Schließlich dienen
die Kurse der Aushändigung von Berechtigungsscheinen für Sprachkurse an die Teilnehmer/-innen und deren Einweisung in den Umgang mit Unterlagen zur Auswahl von
Kursanbietern." (Sachstandsbericht des AmkA, 7/2003)
Eine der zentralen Herausforderungen des Projektes bestand und besteht darin, zwischen den Anforderungen des Aufnahmelandes an (möglichst rasche) Orientierung,
den je unterschiedlichen persönlichen Herangehensweisen der Migrantinnen und Migranten an Orientierung (was das Tempo und die Überwindung von Fremdenangst angeht),
sowie den durch die Orientierungskursleiterinnen und -leiter entstehenden Überschneidungen des Kurskonzeptes mit sprachlichen, geschlechtsgebundenen und
persönlichkeitsbezogenen Besonderheiten gerecht zu werden und einen didaktischen Kompromiss zu finden. Bei diesen Problemstellungen konnten die Kompetenzen
und Ressourcen der örtlichen Träger nach und nach so eingebunden werden, dass heute mit dem AmkA-Projekt ein stabiles und von den Adressaten wie auch von den
Orientierungskursleiterinnen und -leitern durchgängig positiv beurteiltes Angebot gemacht werden kann.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die in Frankfurt geschaffenen Grundlagen für eine Integrationsförderung von den Migrantinnen und Migranten mit großem Erfolg
genutzt werden und für die Bearbeitung von Integrationsproblemen - so weit sie eine erste Orientierung im Aufnahmeland betreffen - angemessen sind. Die
Offenheit des Curriculums, die Chance, mit muttersprachlichen Kursleiterinnen und -leitern den jeweiligen z.T. höchst unterschiedlichen Zugängen und der
Anfangsunsicherheit bei den ersten Schritten der Migrantinnen und Migranten gerecht werden zu können, die Möglichkeit der Nutzung informeller Kontakte zu den
Kursleiterinnen und -leiter während und nach den Kursen trägt wesentlich dazu bei, dass dieses Angebot der Stadt Frankfurt eine wesentliche Integrationshilfe
darstellt.