Psychohistorie
Die Deutsche Gesellschaft für psychohistorische Forschung definiert Psychohistorie
folgendermaßen:
"Die Psychohistorie widmet sich der Untersuchung der unbewussten Wurzeln und Hintergründe von
geschichtlichen Entwicklungen, gesellschaftlichen Institutionen, kulturellen Normen und politischen Entscheidungen.
Im Vergleich zu anderen Richtungen, die ebenfalls einen psychoanalytischen Blickwinkel auf Geschichte, Kultur und Politik richten (z.B. in der Tradition der
"Frankfurter Schule"), ist die Psychohistorie in höherem Maße darauf ausgerichtet, die Fassade von rationaler Zweckmäßigkeit in Frage zu stellen, die das
geschichtliche Handeln, politische Ziele oder wirtschaftliche Interessen dem oberflächlichen Betrachter meist darbieten. Aus dem durch Freud möglich gewordenen
Verständnis des durchschlagenden Einflusses der Kindheitsschicksale auf die - oft sehr irrationalen - Verhaltensweisen und Einstellungen im Erwachsenenalter
(auch auf gesellschaftlicher Ebene) ergibt sich so ein Forschungsschwerpunkt zur Kindheitsgeschichte bis hin zu Erfahrungen vor und während der Geburt, bei
dem die vielfältigen Auswirkungen der historischen Evolution der Kindererziehung auf die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen deutlich
werden.
Neben dem Schwerpunkt Kindheitsgeschichte befasst sich die Psychohistorie zu einem wesentlichen Teil mit politischer Psychologie, wie z.B. ein Blick auf
die
Inhaltsverzeichnisse der Jahrbücher für Psychohistorische Forschung zeigt. Psychohistorische Arbeiten zum aktuellen politischen Geschehen finden Sie unter
dem Link Politische Psychologie aktuell.
Die Bemühungen zielen darauf, neue Chancen des tiefenpsychologisch reflektierenden Mitwirkens an der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildung zu
eröffnen - in der Hoffnung, der mächtigen Sogwirkung von Feindbildern, Zerstörung und Gewalt vorzubeugen, den Werten der Solidarität und Kooperation mehr
Geltung zu verschaffen und damit unseren Fähigkeiten, kreative Lösungen für unsere Probleme und Konflikte zu finden, zur Entfaltung zu verhelfen."
Einer der ersten Aufsätze, die wir in der 1979 gegründeten Zeitschrift
Kindheit veröffentlichten,
stammte von Lloyd deMause, einem Historiker aus New York, der
psychoanalytische Erfahrungen hatte: Krieg als Geburt. Seine
Thesen und seine metaphorischen Entdeckungen regten mich so stark
an, dass sie mich bis zum Ende meiner Tätigkeit als Friedensforscher begleitet
haben. Ich habe nicht nur Lloyd deMause' Thesen zur Krieg-als-Geburtsmetapher
aufgegriffen, sondern auch mit seinen Überlegungen zu einer psychogenetischen
Theorie der Kindheit sympathisiert: Dieses dynamische Konzept
von Kindheit enthält in seinem Kern die These von der historisch wachsenden
Fähigkeit
der Erwachsenen, sich empathisch in die jeweils nachwachsende
Generation -
ihre eigenen Kinder - hineinversetzen zu können. Dies geschieht sowohl durch
die selbstreflexive Auseinandersetzung mit den Bedingungen der
eigenen Kindheit, als auch durch die Entwicklung der gesellschaftlichen
Verarbeitung von Erkenntnissen über
Kinder etwa durch Wissenschaft (vgl. deMause, Ll.: Hört ihr
die Kinder weinen? Frankfurt 1978 , S. 15).
Anlässlich eines Europaaufenthaltes 1992 war Lloyd deMause Gast zu einem
Vortrag in der HSFK (bereits ein Jahr zuvor hatte Ludwig Janus,
Psychoanalytiker und Initiator der Deutschen Gesellschaft für psychohistorische
Forschung in der HSFK einen Vortrag zum Thema
Prä- und
perinatale Grundlagen sozio-politischer Ereignisse gehalten). In der
Folge wurden die Arbeiten von Lloyd deMause und die seiner Kollegen
zu einem Teil in die Zeitschrift Kindheit übernommen.
Auch im
Jahrbuch der Kindheit haben wir eine
psychohistorische Abteilung beibehalten.
Wir konnten im Laufe der Jahre einen kleinen Kreis von Wissenschaftlern
versammeln, die sich zur Aufgabe machten, psychohistorische Forschung
in Deutschland bekannt zu machen. Daraus entstand schließlich auf Initiative
von Ludwig Janus die
Deutsche Gesellschaft für
psychohistorische Forschung, die nicht nur Tagungen organisiert, sondern
auch Publikationen zum Thema anbietet.
Ich habe im Laufe der Zeit nicht nur in zahlreichen Veröffentlichungen (s.
weiter unten) Bezug auf Lloyd deMause' Gedanken genommen, sondern
konnte Psychohistorie und pränatale Psychologie auch im Rahmen meiner
Lehrangebote erfolgreich
weitervermitteln. Eigene Veröffentlichungen mit unmittelbarem Bezug auf
Psychohistorie bzw. pränatale Psychologie z. B.:
Krieg zwischen Geburt und Tod. Zu Chaim F. Shatans "Die trauernde Seele des
Soldaten", in: Reiner Steinweg (Red.), Hilfe + Handel = Frieden? Die
Bundesrepublik in der Dritten Welt, Friedensanalysen 15, Frankfurt
1982, S. 386-399
Children's War Fantasies, in: The Journal of Psychohistory 4/1983, S. 491-510
Die Angst der Kinder vor ihren Beschützern oder Skepsis gegen Friedenserziehung als Programm, in: Reiner Steinweg (Red.), Vom Krieg der Erwachsenen
gegen die Kinder. Möglichkeiten der Friedenserziehung, Friedensanalysen 19, Frankfurt/M. 1984, S. 26-64
mit Ute Volmerg: Apocalypse Now? Policies for Peace - How their Arguments Stand up to the Test: A Social Psychology
Analysis, in: Bulletin of Peace
Proposals 2/1984, S. 111-123
Kampfplatz Kindheit, in: Copray, N. (Hg.): Die Stärkeren im Recht? München 1992, S. 51-56
mit Jutta Pfeil: Perinatale Aspekte von Verhaltensstörungen am Beispiel eines Kindergartenkindes, in: Datler,
W./Finger-Trescher, U./Büttner, C. (Hg.):
Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik, Band 6, Mainz 1994, S. 69-90
Über den gesellschaftlichen Umgang mit Krieg oder: Die Schwierigkeiten der Menschen, aus ihrer Geschichte zu lernen, HSFK-Standpunkt 5/1994, 11 S.
Kindheit und Krieg, in: Janus, L. (Hg.): Psychohistorie und Geschichte
der Kindheit, Heidelberg 1995
Gruppenarbeit. Eine psychoanalytisch-pädagogische Einführung, Mainz 1995, 240 S.
mit Birgit Berens: Pappkarton und Kugelkiste. Zur Wiederbelebung perinataler Erfahrungen am Beispiel einer heilpädagogischen
Betreuung eines 6jährigen
verhaltensauffälligen Kindes, in: Int. J. Prenatal and Perinatal Psychology, 1/1997, S. 99-113
Mit Gewalt ins Paradies. Psychologische Anmerkungen zu Terror und Terrorismus, HSFK-Standpunkt 7/2001, 12 S.
mit Bernhard Meyer (Hrsg.):
Kinder
in der Stadt. Multiperspektiven in der Sozialen Arbeit, Norderstedt 2004, 215 S.
Angst und Gewalt in pädagogischen Beziehungen, in: Stephan Friebe/Rudolf Link (Hrsg.): Macht. Angst. Gewalt. 8. Fachtagung der Fachschule für Sozialwesen,
Mosbach 2006, S. 12-30