Shell, Trompeloup und ein "Ehemaligentreffen"

 

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Heute erinnern nur noch einige wenige Tanklager daran, dass einst zwischen der Gironde und den Weinbergen nahe Pauillac (Trompeloup) eine Ölraffinerie angesiedelt war. Christine Salabert und Anne-Marie Roux-Vidou, zwei Freundinnen aus Kindertagen, haben die Initiative ergriffen, ein Wiedersehen mit ehemaligen Bewohnern der Shell-Siedlung für Raffineriemitarbeiter zu organisieren: "Die Arbeitersiedlung der Shell-Ölraffinerie, in der etwa 50 Familien in ihren hübschen, baskisch inspirierten Häusern mit entweder grünen oder roten Fensterläden lebten, war ein Ort, der für das Wohlbefinden und das Glück aller und insbesondere der Kinder konzipiert war."

Ende Oktober 2023 gründete Christine Salabert auf Facebook die Gruppe "Kinder der Shell¬-Siedlung", um mit möglichst vielen Kontakt aufnehmen zu können, "mit der Aussicht auf ein Treffen im Frühjahr". Sie war sofort erfolgreich. Und was als "banale" Anzeige für eine "Cousinade", in diesem Fall eine "Coquillade" (eine Anspielung auf die Jakobsmuschel im Shell¬-Logo) gedacht war, entwickelte sich zu einer Alice-im-Wunderland-Geschichte voller Erinnerungen, Fotos und digitaler Begegnungen.

Die Raffinerie wurde nach dem Krieg von der Firma Caltex übernommen und zwischen 1947 und 1952 zu einem der größten modernen Industriekomplexe Europas weiterentwickelt. Viele Familien bauten - meist nach Plänen der Konstruktionsabteilung der Fabrik - in den 1960er Jahren dort ihre Einfamilienhäuser, Um 1970 wurden auch die Sozialwohnungs-Siedlungen, der Bahnhof, Hauteville, Pradina und Canteranne erstellt.

In den Augen der Kinder, die dort lebten oder sogar geboren wurden, spielte sich in der Cité des Huiles Shell das Leben der Kinder ab. "Es war ein El Dorade, von dem viele der weniger "privilegierten" Kinder von Pauillac träumten, die in Häusern ohne Komfort und manchmal ohne fließendes Wasser in Armut oder sogar in einem gewissen Elend lebten, - Anne Marie erinnert sich - eine von Bäumen gesäumte Allee führte vom Eingang der Siedlung zu unseren hübschen Einzel- oder Doppelhäusern, die im Kreis angeordnet waren. In den Häusern, die am nächsten an der Bahnlinie lagen, waren die Arbeiter untergebracht, weiter oben die Vorarbeiter und Ingenieure und dann gab es drei große Hauser für die Direktoren. Jedes Haus war mit allem Komfort ausgestattet: Duschen, Gärten mit Dahlien, Gladiolen und Rosen ... Wir fanden alles vor, was wir brauchten [ ... Wir waren privilegiert".

"Annie Larrieu erinnert sich an den großen Park der Siedlung, in der sie fast 20 Jahre gelebt hat, mit seinen Obstbäumen, dem großen Fußballplatz, den zwei Tennisplätzen, den zwei kleinen Schwimmbecken, der Rutsche und den Kinderspielen, aber auch an Weihnachten im Alhambra in Bordeaux mit der Verteilung von Mandarinen, an Ausflüge ins Grand Théâtre und an die vom Betriebsrat organisierte Muttertags-Feier, bei der 300 Personen und mehr im Stadion zusammenkamen, mit einer Show, einem riesigen Buffet und Luftballon-steigen-lassen. Einmal -¬hatte sie einen goldenen Füllfederhalter gewonnen, weil ihr Ballon in der Dordogne gefunden worden war", berichtet Monique Nauzin in ihrem Artikel im Journal du Médoc.

Der Raffineriebetrieb wurde 1986 eingestellt und die Anlagen bis Ende 1988 demontiert. Mit der Schließung der Shell brach nicht nur eines der wirtschaftlichen Standbeine der Stadt zusammen, sondern auch ein Partner in den Bereichen Vereinswesen, Kultur und Sport ging verloren. Das Trauma dieses Weggangs dauert bis heute an.

Die Schließung der Raffinerie war für die Angestellten eine Tragödie, vor allem für die aus Subunternehmen, da die meisten von ihnen ihre Arbeitsplätze verloren. Die "Shellisten" hatten die Wahl einer Abfindung mit 4 Monatsgehältern oder in einer anderen Raffinerie der Unternehmensgruppe anzufangen. Für viele ergaben sich durch das Unglück neue Chance: Sie konnten sich erfolgreich umorientieren.

Dies führte zu einem spürbaren Rückgang der Kaufkraft in Pauillac und zwang viele Geschäfte zur Schließung. Während ehemalige Mitarbeiter von Shell mit langen Phasen der Arbeitslosigkeit konfrontiert waren, begrüßten andere die Reduzierung industrieller Aktivitäten in der Gegend. Die meisten Château-Besitzer um Pauillac herum waren schon immer unglücklich darüber, dass ihre Weinberge von Industrieanlagen überragt wurden, und forderten sogar, die auffälligen Schornsteine himmelblau zu streichen.

Pauillac kämpft noch heute mit den Folgen der Raffinerie-Schließung vor Jahrzehnten. Die Stadtverwaltung setzt auf den Tourismus, der Jahr für Jahr immer mehr Besucher in die Region lockt. In diesem Zusammenhang plant der Grand Port Maritime de Bordeaux, nach dem Weggang von Airbus die Anlegestelle Trompeloup für solche Kreuzfahrtschiffe zu rehabilitieren, die aufgrund ihrer Größe nicht in der Lage wären, in Bordeaux anzulegen.

2024 Christian Büttner (Grayan), Artikel verfasst anhand von Informationen von Anne Marie Vidou, Monique Nauzin (Journal du Médoc) und verschiedenen Archiven