Fünfzig Jahre lang habe ich als Bildhauer gearbeitet. Seit meinem Ruhestand habe ich Zeit, über den schöpferischen Prozess nachzudenken. Der Austausch mit Kollegen und einige Jahre Unterricht haben mich davon überzeugt, dass jeder von uns eine eigene Art entwickelt, seine Sensibilität zu nutzen. Indem ich meine beschreibe, möchte ich andere ermutigen, Vertrauen in sich selbst zu gewinnen und ihrerseits über ihre Gefühle zu sprechen.

Die Zypressen am stillen Weg vermitteln ganz allein die Atmosphäre der Landschaft. Wie von einem Blitz erhellt wird das Sichtbare greifbar. Ich sehe, was meine Augen zuvor nur streiften, denn in einem Sekundenbruchteil trifft der schweifende Gedanke auf das Bild, das ihn veranschaulicht.
Ich glaube, wir alle kennen solche erleuchteten Augenblicke. Man erkennt sie leicht an dem freudigen Gefühl der Erfüllung, das sie begleitet. Mit etwas Übung lässt sich diese Vision im visuellen und emotionalen Gedächtnis festhalten. Dafür habe ich eine Gewohnheit entwickelt, auf die ich später zurückkomme.
Doch oft sind wir nicht wachsam; der Alltag gewinnt die Oberhand und macht uns blind.

In einer Pfütze zeichnen Regentropfen sonnige Kreise. Dieser Moment der Gnade ist für den Freund bestimmt, der kämpft – für die Zeit nach seiner Genesung. Um wirklich wach zu sein, braucht es eine innere Erschütterung, wie sie ein starkes freudiges oder dramatisches Gefühl auslösen kann. Hier war es die Sorge um einen engen Freund, der gegen den Krebs kämpfte. Ich wollte ihm meine Gewissheit vermitteln, dass er gesund werden würde.
Zum Glück muss man sich nicht in einer schmerzhaften Lage befinden, um für den flüchtigen Augenblick empfänglich zu sein. Liebe vermag das ebenso, und vieles andere, sofern es intensiv ist. Nun gilt es, daraus ein künstlerisch nutzbares Ereignis zu machen: Manche zeichnen, fotografieren oder verlassen sich auf ihr Gedächtnis. Weil ich fürchte, dass eine Erinnerung zu starr – etwa wie ein Foto – oder zu flüchtig sein könnte, nutze ich seit Langem eine poetische Gedächtnistechnik.
Einige Wörter, manchmal ein Satz, fassen diese plötzliche Wahrnehmung zusammen. Häufig bleibt dieser Satz als Titel des fertigen Objekts bestehen. Gleichwertig mit der Erinnerung an das ursprüngliche Bild wird er zu einer Art Schablone, an der die materielle Umsetzung fortwährend gemessen wird. Während seiner Entstehung muss das Objekt dem visuellen Erinnerungsbild und der Stimmung entsprechen, die es ausgelöst hat. Die Beweglichkeit dieses Verfahrens erlaubt die unvermeidlichen Anpassungen der Übertragung, doch durch die Worte bleibt die Essenz des Gefühls erhalten.

Auf dem trockenen Gehweg brach zwischen den Pflastersteinen das Leben hervor – bescheiden, aber überaus erfreulich und farbenfroh. Holz bietet mir durch die Vielfalt der Arten und Bearbeitungstechniken unendliche Möglichkeiten. Doch gerade dabei darf man den Faden des ursprünglichen Gefühls und den Wunsch, etwas Bestimmtes auszudrücken, nicht in handwerklicher Leichtigkeit und schillernden Farben verlieren.
Für mich verlangt schließlich jede gedankliche Konstruktion eine klare Aussage; fehlt sie, droht das Werk verschwommen und ungeordnet zu bleiben. Eine letzte Skulptur soll diesen Gedanken verdeutlichen.

Es ging darum, die Atmosphäre eines Sommerabends wiederzugeben: das Stimmengewirr vor dem Hintergrund summender Insekten. Der Fotograf spürte dies so gut, dass er eine passende Beleuchtung hinzufügte – vielleicht etwas kräftig, aber zweifellos wirkungsvoll. Gewöhnliche, eher streng wirkende Tischlertechniken und das Drechseln eigneten sich nicht nur dazu, die Musik dieses Ortes in jenem Augenblick hörbar zu machen, sondern auch, ein feierliches Ritual auszudrücken.
Als vorläufigen Schluss zitiere ich René Char: „Ein Dichter soll Spuren seines Weges hinterlassen, keine Beweise. Nur die Spuren lassen träumen.“ Der Verschleiß der Zeit wird diesen Objekten eine ehrwürdige Patina verleihen.