
Bald ist Mai im Médoc und Léa Mysius beginnt mit den Dreharbeiten zu ihrem 15 bis 20 Minuten langen digitalen Farb-Kurzfilm. Begeistert, lächelnd und voller Freude, dieses Projekt zu verwirklichen, erzählte Léa mir vom Stand der Vorbereitungen, von ihren Figuren und ihrer Filmkultur. Ihre Kunst ist zugleich sehr literarisch und visuell. Eine junge Filmemacherin, die Unterstützung verdient, und ein Name, den man sich merken sollte.
Léa Mysius erzählt in ihrem ersten Kurzfilm „Cadavre exquis“ eine außergewöhnliche Geschichte im Médoc. Die Synopsis: Die schmächtige siebenjährige Maëlys lebt mit ihren Eltern auf dem abgelegenen Land. Fest entschlossen, groß genug für ein selbständiges Leben zu sein, gerät sie ständig heftig mit Vater und Mutter aneinander. Zu Pferd oder zu Fuß flüchtet sie in die Wälder und Sümpfe, deren Wege sie auswendig kennt. Bei einer ihrer Fluchten findet sie im Schilf die Leiche einer jungen nackten Frau. Von deren Schönheit und Beschaffenheit fasziniert, zieht sie sie in ihre geheime Hütte, um sie zu ihrer Freundin zu machen.
Le Mague: Hallo Léa, kannst du dich kurz vorstellen?
Léa Mysius: Ich heiße Léa, bin 22 Jahre alt und möchte gern Filme machen.
Le Mague: Wie kam es dazu?
Léa Mysius: Als kleines Kind wollte ich Schriftstellerin werden. Ich glaube, ich schrieb schon damals in Bildern. Meine Eltern lieben das Kino und zeigten mir in meiner Kindheit viele Filme. So kam ich zum Drehbuch. Beim Schreiben merkte ich, dass mich die Regie am meisten interessiert — die Art des Erzählens ebenso wie der Inhalt. Schreiben war mir vertraut, Regie schwieriger, und ich wollte lernen, Geschichten filmisch zu erzählen.
Le Mague: Wie entstand „Cadavre exquis“?
Léa Mysius: Zuerst stand die Idee, im Médoc zu drehen. Der Film ist ein wenig von meiner Kindheit inspiriert, auch wenn ich damals natürlich keine Leiche auf einem Feld fand. Ich wollte ein kleines Mädchen auf einem Pferd, ohne dass es kitschig wirkt. Die Idee der Leiche geht auf Baudelaires „Une charogne“ zurück, das ich als Kind las. Es inspirierte mich; ich zeichnete damals eine tote Frau.
Le Mague: Wie steht es um die Finanzierung?
Léa Mysius: Auf Ulule bleiben uns etwa zwanzig Tage. Wir haben uns um das Dailymotion-Stipendium beworben, suchen regionale Förderung und treffen Ende des Monats den Conseil Général de Gironde. Außerdem prüfen wir Hilfen an den Hochschulen.
Le Mague: Hast du beim Casting ein echtes Médoc-Landkind für deine Heldin gefunden?
Léa Mysius: Ich glaube, ja.
Le Mague: Welche Bilder des Médoc prägten deine Fantasie beim Schreiben?
Léa Mysius: Ich verbrachte meine Kindheit in diesen Wäldern. Erst als ich Besucher ins Médoc mitnahm und sie von den Landschaften begeistert waren, die ich jeden Tag sah, erkannte ich deren Bedeutung. Ursprünglich wollte ich im Winter drehen; ich mag die düstere, poetische Seite des Landes in dieser Jahreszeit. Wegen der echten Darstellerin im eisigen Wasser ist das nicht möglich. Mich inspirieren vor allem Sümpfe und Wälder sowie die Mischung aus Wald und Sand, Schlamm und Lehm.
Le Mague: Länge und Format?
Léa Mysius: 15 bis 20 Minuten, digital und in Farbe. 16 Millimeter wäre schön gewesen, ist aber zu teuer; digital kann ich so viele Aufnahmen wiederholen, wie ich möchte.
Le Mague: Woher kam in deiner Kindheit die Liebe zum Kino?
Léa Mysius: Kinos gab es kaum. Zu Hause sahen meine Zwillingsschwester und ich Videokassetten, besonders „Die Nacht des Jägers“ und „Freaks“, immer wieder.
Le Mague: Welche Regisseure haben dich geprägt?
Léa Mysius: Sehr mag ich Deplechin, besonders „Comment je me suis disputé…“. Für mein aktuelles Projekt denke ich auch an Bruno Dumont und an Tony Gatlif, dessen Verrücktheit ich schätze.
Le Mague: Gibt es weitere Projekte?
Léa Mysius: Ich arbeite an Projekten für La Fémis. Einen Langfilm habe ich bereits geschrieben, einen zweiten schreibe ich mit einem Regiestudenten, und vor Jahresende soll noch ein weiterer folgen.
Le Mague: Wo soll der Kurzfilm im Médoc gezeigt werden?
Léa Mysius: Hoffentlich kann ich ihn bis zum Sommer in Lesparre präsentieren, damit alle Mitwirkenden ihn sehen können. Vielleicht auch in Bordeaux im Kino Utopia.
Le Mague: Und auf Festivals?
Léa Mysius: Wir reichen ihn bei allen Festivals ein, die ihn aufnehmen können.
Vielen Dank an Léa sowie an Delphine Montalant und Eric Holder für ihren herzlichen Empfang. La Fémis ist die Pariser Hochschule für Berufe rund um Bild und Ton. Die Landschaftsaufnahmen entstanden bei Léa Mysius’ Motivsuche am 30. Januar 2012.