Julia auf Cordouan

In der reinen, jodhaltigen Luft liegt ein flüchtiger Duft von Tiaréblüten auf ihren vollen Lippen. Julia springt ins Wasser, um das Ufer zu erreichen. Ihre Geschwister folgen ihr spontan. Eifrig erklimmt sie die freigelegte Sandbank, die ihr den Horizont verbirgt. Auf der nebligen Anhöhe erscheinen der „König der Leuchttürme“ und sein Felsplateau. Eine Mondlandschaft, übersät mit Wasserbecken, in denen sich das majestätische Bauwerk spiegelt. Regungslose weiße Punkte sammeln sich auf dem ockerfarbenen Sand: Lachmöwen ruhen sich aus. Bald verliert sich ihre Geschwisterschar in einem Labyrinth aus Sand.

Panorama des Leuchtturms von Cordouan

Das Staunen ist ungebrochen, der beschwerliche Weg mindert ihre Begeisterung nicht. Durch den beweglichen Sand und das Wasser, das ihr bis zu den Oberschenkeln reicht, zieht sie sich mit erstaunlicher Leichtigkeit auf den Damm. Am Ende des mit fluoreszierend grünen Algen bedeckten gepflasterten Weges steht ein geöffnetes, massives Holztor mit zwei Flügeln. Die Wasserlinie zeigt, dass es bei Flut nicht mehr zu sehen ist. Vor der Pforte zeichnet sich eine Silhouette ab.

Mit einer gewissen Eleganz, nassen Schuhen und Wasser, das an ihrem ganzen Körper herabläuft, gerät Julia ins Wanken. Der kräftige Duft des Ozeans berauscht sie. Der Aufstieg ist gefährlich und rutschig; eine galante Hand fängt sie gerade noch auf. Überrascht blickt die junge Frau in das freundliche Gesicht ihres Retters:
– „Sie haben alle abgehängt. Ich habe Sie durch das Fernglas über die Insel laufen sehen.“
Julia lächelt:
– „Ja, ich hatte es eilig, die Zeit ist knapp. Wie lange braucht man, um alles zu sehen?“
– „Eine halbe Stunde, um die dreihunderteine Stufen hinaufzusteigen und die Aussicht zu genießen.“

Der attraktive Unbekannte ist ungefähr in ihrem Alter. Er trägt Jeansbermudas und ist barfuß. Seine sonnengebräunte Haut bringt die großen blauen Augen zur Geltung; sein Haar ist dunkelbraun und lockig. – „Willkommen in meiner Zweitvilla. Ich habe einen sehr großen Garten.“

Leuchtturm von Cordouan

Die steile Treppe mit einem Seil in der Mitte weist mir den Weg. Auf der Freitreppe warte ich auf meine Familie. Einen Augenblick lang ist dies auch mein zweites Zuhause. Was für ein Glück, hier zu leben. Das Herz dieses Mannes schlägt im Rhythmus der Gezeiten, der so unterschiedlichen Jahreszeiten und des Lichts. Er führt durch die Mündung, sein Strahl ist rot oder grün. Ohne ihn herrschte absolute Dunkelheit, und viele Schiffbrüche wären nicht verhindert worden – schwarze Farbe ohne Worte.

Wie gern würde ich ihn nachts bei Ebbe sehen, vom Mond beleuchtet und selbst siegreich im Licht gespiegelt. Dieses vergängliche Gemälde gehört ihm allein. Welch ein Glück! Ein Glück, das durch erzwungene Einsamkeit und Mut bei schlechtem Wetter verdient werden muss. Eingeschlossen und allein inmitten entfesselter Elemente, während die Grundseen am Schutzwall brechen und der Wind durch das Gebäude singt. Kein Segel, kein Manöver an Bord – nur Lobgesänge auf Notre-Dame in der königlichen Kapelle im zweiten Stock. Gefangen in der Dunkelheit schwindet die Hoffnung, die Küste je wiederzusehen. Der Leuchtturmwärter wird auf die Probe gestellt, eingeschlossen in seinem holzgetäfelten Zimmer, eine Feder in der Hand, und wartet auf die ersehnte Wetterbesserung, auf das Ende des Graus.

Heute jedoch ist die Felseninsel ruhig. Bei Ebbe werden die Fische weniger scheu, und kleine Wellen hinter Cordouan wiegen die Möwen. Der Horizont ist klar: Vom Balkon aus erkennt man weiter nördlich die Île d’Oléron und im Osten die Küste von Royan. Das Meer liegt spiegelglatt bis zum Horizont. Unterhalb hebt das üppige Grün die Schönheit des Bauwerks hervor. Der liebste Spielplatz der Möwen verwandelt sich mit jeder Flut. Ein Fest für sie: Mit ausgebreiteten Flügeln zeigen sie sich in ihrer ganzen Pracht und schaffen ein faszinierendes Spiel aus Licht und Schatten.

Rund um den Sockel klingt es wie das Knistern eines Feuers. Die dicht an den Steinen sitzenden Seepocken flüstern einen vertrauten Klang, den man vom Festland kennt. Der heiße Boden ist von Muscheln bedeckt, die dicht an dicht einen kreisförmigen Weg markieren. An der Wasserlinie bieten Büschel grüner Algen hübschen Bewohnern Schutz. Zusammengerollt wartet die Anemone geduldig auf das steigende Wasser, um ihre Tentakel auszustrecken. Die scheue grüne Krabbe spielt unter den Steinen Verstecken. Bald schlägt die Stunde, in der diese weiße Perle mitten im Ozean wieder zur ewigen Insel wird. Julia weiß, dass der Peyrat, das Tor des Palastes und sein Garten unter dem Springwasser verschwinden werden. Ihr Schiffbrüchiger will nicht nach Hause. Er liebt diesen Ort und wird des Sonnenuntergangs über der Laterne niemals müde. Auf dem Festland wird Julia für einen Augenblick die Augen schließen, um die Weite des Ozeans wiederzusehen, die diese vierhundert Jahre Licht umgibt.