Ein aufsteigender Stern

 

Julien Dran

...damit fing alles an. August 2009, ich war neugierig, drei Tenore in der Basilika von Soulac-sur-Mer singen zu hören. Trois ténors – hommage à Luciano Pavarotti. Ein hochgegriffener Titel. Konnte der Médoc so etwas überhaupt bieten?

Während der Zeit meiner Médoc-Wanderritte zeigte ich regelmäßig die Basilika meinen Reitern anlässlich eines speziellen Abends in Soulac mit Besuch der bis über Bordeaux Grenzen hinaus bekannten Eisdiele Judici. Seit dem Jahrhundertsturm hatte ich Soulac kaum wiedergesehen und kannte die Basilika auch nicht als Konzertsaal. Auch Michel als ehemaliger Bass-Bariton Sänger wollte hören, was man uns unter dem so anspruchsvollen Titel der drei Tenore bieten wollte.

Natürlich begann unser Soulac-Besuch mit einem Bummel durch die Stadt Richtung Eisdiele Judici. Göttlich ! Hätten wir gewusst, wie ausgesprochen unbequem die Kirchenbänke der Basilika sind, hätten wir bestimmt auch Kissen gekauft … Als wir eine gute Viertelstunde vor Beginn des Konzerts unsere Karten kauften, war die Kirche schon fast voll. Wir hatten dennoch das Glück, zwei Plätze in der Mitte zu bekommen, die ein Pärchen mit einem Kleinkind freimachte um sich in den hinteren Teil des Kirchenraums zu verziehen mit kürzerem Fluchtweg für den Fall dass der Kleine Lust bekommen sollte, mitzusingen.

Drei Tenore. Zwei ausgereifte, kräftig ausdrucksstarke Stimmen, gepflegte Technik, zeitlose Melodien, dies konnte sich durchaus zu Ehren von Pavarotti, Domingo & Carreras hören lassen. Dann der jüngste der drei. Julien Dran. Lang wie eine Bohnenstange, schlank, fast noch link in seinen Bewegungen, wenngleich mit der Meisterschaft des Sängers, der auf der Bühne seine Heimat gefunden hat, mit barock-romantischem Charme. Er setzte an, und wie sich die Kirche mit dem honigwarmen, hellen Klang seiner Stimme füllte, kristallklar, rund und voll, so hielt der ganze Raum den Atem an, ließ sich tragen, ungläubig staunend.

Gerade habe ich die letzten Plakate verteilt und Flyers für die August-Konzerte von Julien Dran, der dem Medoc treu bleibt. Wir haben das Glück, ihn in Soulacs Basilique de la Fin des Terres und in Listrac auf Château Liouner erleben zu dürfen, Dank seiner Mutter, künstlerische Leiterin der Compagnie Lyrique de l’Estuaire CLE, für die er bereit ist, weiterhin jedes Jahr hier zu konzertieren. Martine March, Juliens Mutter, hatte ich Live erlebt, wie sie auf dem Konzert der drei Tenore für ihn zitterte, und für ihn eine Zugabe improvisierte, unvorbereitet auf Drängen ihres Sohnes und der Zuhörer, die sie kannten, eine Aria darbrachte.

Als ich las, dass Martine March die Ausbilderin dieses jungen Talents sei, als ich sie so erlebte, konnte ich nicht an mich halten, musste sie nach dem Konzert aufsuchen. Ich bahnt mir einen Weg durch die Flut der Besucher, die in Richtung Ausgang drängten, und stand endlich vor ihr : „Alle meine Glückwünsche und Dank, dass Sie dieses Wunder von Sänger auf die Welt gebracht haben !“ Sie sah mich erstaunt an und begann zu strahlen, mit ihren noch stressdunklen, und doch bereits freudestrahlenden blauen Augen der Mutter, von Stolz überflutet über die Leistung ihres Kükens das sich zum farbenprächtigen Hahn gemausert hat. „Singen Sie auch?“ – „Noch nicht, oder nicht wirklich, würde es aber gern.“ – „Dann kommen Sie doch einfach zu uns und machen Sie mit! Schöne Stimmen können wir brauchen!“ - „Noch ist meine aber keinen Pfifferling wert, und ob sich das noch entwickeln lässt …“ – „Das sagen Sie! Die Stimme ist da, das hört man, und die nötige Technik kann man lernen. Dafür ist es nie zu spät.“

So kam ich infolge der Begeisterung über einen jungen Sänger, der das Zeug hat, ein Pavarotti zu werden, als Schülerin zu Martine March und zur Compagnie Lyrique de l’Estuaire, kurzum La CLE genannt. Wie clé, Schlüssel, wenngleich ohne Akzent: ein Schlüssel tatsächlich, mit Akzent auf dem Erleben, wie die eigene Stimme sich entpuppt und die Flügel öffnet zum Flug in die Welt der Melodien.

Claudéa Vossbeck-L’Hoëst