Die Bunker nördlich von Soulac

 


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G. B. Shaw hat (unter vielem anderem) gesagt, Historiker seien die Kamele, die das Gras wegfräßen, das über die Vergangenheit gewachsen sei. Zweifellos pointiert, aber Geschichte erledigt sich nicht von selbst, schon gar nicht dadurch, dass man Gras darüber wachsen lässt.

Dies kann man unschwer nördlich von Soulac in den ausgedehnten Bunkeranlagen nachvollziehen, die von der deutschen Besatzung hauptsächlich in den Jahren 1941 bis 1943 errichtet wurden und die daran erinnern, dass die Beziehungen zwischen Franzosen und Deutschen noch vor wenigen Jahrzehnten nicht so konfliktfrei waren wie sie es heute zum Nutzen aller sind.

Seine schlimmste Zeit erlebte das Bunkergelände, das die Deutschen - nachdem sie im August 1944 in die Spitze des Médoc zurückgedrängt worden waren - als Festung Gironde Süd bezeichneten, im April 1945.

Für den weiteren Kriegsverlauf war die andauernde deutsche Präsenz im Médoc militärisch recht unerheblich, dennoch drängte General de Gaulle darauf, dieses Stück französischer Erde zu befreien und zwar allein durch französische Truppen. Nach ergebnislosen Aufforderungen an die Deutschen sich zu ergeben, griffen am 14. April 1945 stark überlegene französische Verbände mit massiver Unterstützung durch alliierte Luftstreitkräfte und schwere Seestreitkräfte die deutschen Stellungen im nördlichen Médoc an und erzwangen nach blutigen Kämpfen bis zum 20. April 1945 deren Übergabe. Als die erfolgte, waren auf der Seite der französischen Angreifer etwa 400 Soldaten gefallen, bei den Deutschen rund 650, weitere 80 gelten als vermisst. Dazu kamen auf beiden Seiten Verwundete, deren Zahl die der Gefallenen deutlich überstieg.

Erst seit rund zehn Jahren sind die Erinnerungen an die leidvolle Zeit der deutschen Besatzung im nördlichen Médoc so weit abgeklungen, dass eine unvoreingenommene Erforschung der Bunkeranlagen möglich ist. Ihr widmete und widmet sich immer noch mit erstaunlichem Engagement Jean-Paul Lescorce, dessen Kindheitserinnerungen in die Besatzungszeit zurückreichen. Er hat in unermüdlicher Arbeit Bunker um Bunker freigelegt und für Besichtigungen zugänglich gemacht. Seitdem wir ihn kennengelernt und zum Freund gewonnen haben, hat die Redaktion der Médoc-Notizen eine Reihe von Bunkerführungen unter seiner Leitung organisiert und zweisprachig deutsch-französisch durchgeführt. Wir haben immer mehr als 40 Teilnehmer aller Altersstufen gezählt. Jean-Paul Lescorce macht dabei deutlich, dass er sich die Aufgabe gestellt hat, Erinnerungsarbeit zu leisten, um den Teilnehmern an seinen Führungen Einblicke in eine Zeit zu vermitteln, die zwar schon Jahrzehnte zurückliegt, durch die materielle Präsenz ihrer Hinterlassenschaften - der Bunker nämlich und der Spuren der Kämpfe, die um sie geführt wurden - in die Gegenwart hineinreicht. Wir werden ihn dabei weiter unterstützen. Der nächste Termin für eine zweisprachige Bunkerführung liegt schon fest: in der Woche vor Ostern 2011.

Ulrich Marwedel (Grayan)