Vor zwei Tagen war ich bei Freunden im Entre-deux-Mers zum Mittagessen eingeladen. Da ich etwas zu früh war, hielt ich in Saint-Macaire an, wo ich schon sehr lange nicht mehr gewesen war. An diesem Tag lag dichter Nebel über der Gegend. Ich bewegte mich durch eine verschwommene, geisterhafte und zugleich poetische Welt. Durch die Porte de l’Horloge betrat ich die Stadt und wechselte in den ruhigen Gassen ein wenig die Epoche.
Die Stadt ist römischen Ursprungs. Ihren Namen verdankt sie dem griechischen Heiligen Makarios, der im 4. Jahrhundert hierherkam, um die Gegend zu christianisieren. Im Mittelalter soll die Garonne unmittelbar an den Stadtmauern entlanggeflossen sein. Der Flusstransport, vor allem von Wein, brachte der Stadt Wohlstand. Später entfernte sich die launenhafte Garonne und überließ Saint-Macaire seinem Schicksal. Meine Schritte führten mich ganz selbstverständlich zur Place du Mercadiou, meinem Lieblingsort.
Am liebsten hätte ich all die Autos verschwinden lassen, denn sie beeinträchtigen den Charakter des Platzes. Wie fast alle kleinen Städte der Gironde ist auch die Place du Mercadiou von Arkaden gesäumt. Der Boden besteht aus einer Art Kieselpflaster, die Decken zeigen schöne Balken. Prächtige alte Häuser sind wunderbar erhalten und gepflegt. In ihrer gemischten Architektur durchschreitet man gleichsam mehrere Jahrhunderte.
Die Kirche weist eine Besonderheit auf, die auf die lange Bauzeit und einen Konflikt mit der übergeordneten Abtei Sainte-Croix in Bordeaux zurückgeht. In romanischer Zeit begonnen, wurde sie vollendet, als bereits die Gotik vorherrschte. Das Kirchenschiff ist daher romanisch, das Gewölbe gotisch. Der gedrungene Glockenturm steht ungewöhnlich weit links hinter der Fassade. Der Eingang besitzt ein schönes skulptiertes Portal aus dem 13. Jahrhundert. Im Inneren sind zahlreiche Wandmalereien aus dem 14. und 15. Jahrhundert zu sehen.
Eine Seitenkapelle ist leider beschädigt, doch Chor und Hauptaltar wurden prächtig restauriert. Eine ganz in Gold gekleidete Statue hält die Welt in ihrer Hand; auch die weiße Kanzel ist schön verziert. Außerhalb liegen am Rand des Felsens, an die Stadtmauer gelehnt, die Reste des Benediktinerpriorats. Es wurde auf den Ruinen einer gallorömischen Anlage errichtet. Erhalten sind nur der Südflügel und ein alter Brunnen.