Orage!

 

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Ganz Frankreich macht Ferien. Ganz Frankreich? Ein kleines Dorf im Médoc kommt nicht zur Ruhe. Das Unwetter mitten in der Nacht war apokalyptisch. Es blitzte ununterbrochen und das kontinuierliche Grollen ging immer wieder in lauten Explosionsknall über. Innerhalb von zwei Stunden fielen 60 Millimeter Regen. Der Sturm fällte Bäume und Schornsteine, kappte Strom- und Telefonleitungen. Auch das Handy funktionierte nicht mehr.

Ein Gang zur Mairie am nächsten Morgen soll Klarheit verschaffen. Der sympathische Bürgermeister schildert eloquent seine Slalomfahrt in die 10 km entfernte Kreisstadt, die noch Strom hat. Leider habe aber auch der Präfekt keine weiteren Informationen. Weder die Elektrizitätsgesellschaft noch die Telecom antworte am Telefon. Höflich-amüsiert beruhigt er die ängstliche Deutsche, die um das nur 6 km entfernte Atomkraftwerk bangt. Beim letzten Sturm war es nur haarscharf an einer Havarie vorbeigeschrammt. Seine Frau hat ganz andere Sorgen. Zuhause stehen schließlich zwei randvoll gefüllte Tiefkühltruhen mit allen Köstlichkeiten der Gegend. Man stelle sich vor – das Wildbret! Vom Gatten selbst geschossen. Sie verteilt Teelichter an die Dorfbevölkerung und rät, den Kühlschrank nicht zu öffnen. Bei guten Geräten halte sich die Temperatur 24 Stunden.

Abends öffnen wir ihn dann doch vor lauter Hunger. Es riecht etwas streng. Irgendwie muss der Camembert das mit den 24 Stunden nicht richtig verstanden haben. Wir grillen im Garten und freuen uns über die verlässliche Lichtquelle Vollmond.

Am nächsten Tag ist Strandwetter. Nach einem frugalen Frühstück mit Wasser und trockenem Brot machen wir uns auf. Zwei Kilometer hinter dem Dorfausgang treffen wir auf die Stromleitung, die keine mehr ist. Träge liegt sie mitten auf der Straße.

Im kleinen Badeort ist alles wie gewohnt. Der Gedanke an die Delikatessen des örtlichen Traiteurs, die wir zum Abendessen mitnehmen wollen, beflügelt uns noch beim Schwimmen. Zu früh gefreut. Schließlich ist Sonntag. Dafür sind beide Buchhandlungen geöffnet. Die ideale Gelegenheit, schon mal einen Roman von Zola vorzubestellen, der nicht gerade zum gängigen Feriensortiment gehört. Der Buchhändler ist etwas gekränkt in seinem Stolz. Natürlich hat er „Le Docteur Pascal“ vorrätig. Welche Ausgabe es denn sein dürfe. Nur beim Zahlen gibt es Probleme. Die Kreditkarte kann nicht zum Einsatz kommen. „Sie wissen schon: das Gewitter.“ Wir haben kaum Bargeld, weil sämtliche Geldautomaten außer Betrieb sind.

Auf der Rückfahrt hören wir im Autoradio heroische Berichte von Feuerwehrleuten, die Menschen gerettet und Bahnhöfe ausgepumpt haben. Auch der regionale Verantwortliche für die Elektrizitätsgesellschaft ist voll des Lobes für seine Mitarbeiter. Optimistisch fahren wir in Richtung unseres heimischen Elektroherds. Erst als wir wieder das heruntergefallene Stromkabel überqueren, das unverändert auf der Strasse liegt, trübt sich unsere Zuversicht. Wir trösten uns mit der Aussicht auf eine ruhige Nacht. Immerhin kann die Dorfkirche nicht mehr stündlich bimmeln ohne Strom.

Das erweist sich als voreilig. 40 Stunden nach dem Gewitter brummt das ganze Dorf! Lauter Generatorenlärm empfängt uns auf der Dorfstrasse. Im Land der Individualisten hat jeder sein eigenes Kraftwerk im Garten. Jetzt verstehen wir endlich, warum es an den Tankstellen kein Diesel mehr gab. Madame von nebenan entschuldigt sich wegen des Krachs. Aber was solle man machen. Man habe schon lange kein Vertrauen mehr in die zentrale Stromversorgung. Etwas mitleidig schaut sie auf ihre deutsche Nachbarin, die das letzte Tageslicht ausnutzt, um Zola zu lesen. Das war auch so einer, der vom Fortschritt träumte.

Lieselotte Steinbrügge (Berlin)