Hühner im Médoc Hühner im Médoc

Kennen Sie Nackthalshühner? Hochbeinig, oft aufgescheucht und stets hysterisch laufen sie überall umher. Sie sind mager, haben einen langen, roten und federlosen Hals; das übrige Gefieder ist feuerfarben bis bräunlich. Zum Kuscheln laden sie nicht gerade ein. Als gute Legemaschine mit etwa 120 Eiern im Jahr ist dieses robuste, anspruchslose, beinahe asketische Huhn nach Auskunft einiger Züchter auf den lokalen Märkten das Huhn der médocanischen Bauernhöfe schlechthin.

Beim letzten Mal hatten wir drei mehr oder weniger rötliche Hühner unbestimmter Rasse, angeblich Legehennen: dick und gefräßig, bis auf eine von ihnen, die aufgeweckt und schlau war, aber insgesamt als Freundinnen eher enttäuschend. Sie landeten im Kochtopf, allerdings nicht in unserem, denn wir bringen es nicht fertig, ein Tier zu töten, mit dem wir täglich wie ein Tierfreund gesprochen haben. Damals war die Wirtschaftskrise noch nicht allzu schlimm; was der Hunger künftig für uns bereithält, wissen wir freilich nicht.

Nun waren der Hühnerstall gebaut und das Gehege gesäubert – aber wo sollten wir die Hühner unserer Träume finden? Die Nachbarn verwiesen uns auf den Markt von Lesparre. Hinter dem ehemaligen Justizpalast verkauft am ersten Freitag jedes Monats ein Züchter aus der Charente Geflügel. Als wir um elf Uhr morgens ankamen, packte der Mann gerade seine letzten leeren Kartons ein. Um neun Uhr sei bereits alles verkauft gewesen, erklärte er. Wenn wir jedoch im Laufe des Monats bestellten, könnten wir am ersten Freitag im November vielleicht eine Marans, eine graue Coucou und womöglich eine Leghorn bekommen. Natürlich keine reinrassigen Tiere, die seien unbezahlbar, aber aus garantierter Linie und gute Legerinnen. Ein Monat ist heute angesichts des immer schnelleren Austauschs, der iPhones, des TGV, des Autos, des Elektrofahrrads und des Onlinehandels eine lange Zeit. Aber natürlich! Das Internet – da war die Lösung.

Herr B., Züchter in Saint-Vivien – nun ja, Saint-Vivien-de-Blaye auf der anderen Seite des Flusses, also musste man die Fähre nehmen. Wir verabredeten uns um halb neun an der Anlegestelle in Blaye, denn der Herr wohnte mitten auf dem Land. Zwar gehörte sein Hof zur Gemeinde Saint-Vivien, doch ein richtiges Dorf gibt es dort nicht; nur rund um eine Kirche mit ihrem von Gräbern umgebenen Kirchhof verstreute Weiler auf vielen Quadratkilometern. Selbst ein GPS verirrt sich dort. Kurz gesagt: Nach Verhandlungen und dank des GPS nach einer großen Schleife um Bordeaux waren wir gegen ein Uhr mit unseren künftigen Legehennen wieder zu Hause.

Prächtig! Eine war vollständig aschgrau, selbst die Beine. Wäre da nicht ihre jugendliche Silhouette gewesen, hätte sie wie eine sehr alte, vornehme Dame gewirkt: eine Limousin-Rasse. Eine Marans war schwarz, Kopf und Hals jedoch rotbraun, an den Beinen ohne Flaum – ohne Federn –, schon etwas füllig, besser gesagt rundlich, von stolzer Haltung und sehr ruhig. Und schließlich, vorläufig meine Favoritin, eine rotbraune, sogenannte Bauernhenne mit Rhode-Island-Vorfahren – ja, tatsächlich amerikanisch –, schlank, lebhaft und neugierig. Sie könnte das lustige Huhn werden, eines mit Humor und vielleicht sogar Schlagfertigkeit.