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Wolfram Knöchel: Spurensuche im Medoc

 

Wolfram Knöchel

Ende Mai sind wir ins Medoc gereist - zum ersten Mal. Als Journalistin war ich zwar in anderen Regionen Frankreichs unterwegs und unsere Urlaubsreisen hatten auch schon viele Jahre lang französische Ziele, doch der Südwesten war eben noch nicht dabei. Anders in diesem Jahr – wo eigentlich alles anders war. Denn die Geschichte dieser Reise begann schon viel früher…

Halle/Saale - 27.12.2014: Ein Schuhkarton ohne Deckel. Im dunklen Winkel eines Bücherregals finden ihn meine tastenden Finger, die auf der Suche sind nach… Ja, wonach eigentlich?

Briefe stapeln sich auf dem Kartonboden, weit über 100 sind es, ordentlich gebündelt und verschnürt mit gelben Seidenband, das die Jahre zerknüllt haben. Den Karton hat man mir wohl nach dem Tod des Vaters gegeben, zusammen mit alten Dokumenten und Urkunden. Ich erinnere mich nicht. Das war geblieben. Er nicht.

Ich hatte alles in das Bücherregal geräumt. Nichts gelesen. Sechs Jahre lang. Nun drängt es sich also mit aller Macht wieder nach vorn in die Erinnerung. Diese Briefe habe ich noch nie gesehen, uralt sind sie, das bräunliche hauchdünne Papier raschelt kaum noch, als ich die komplizierte Faltung öffne: Ein Blick aufs Datum – 1944 – also genau vor 70 Jahren - da war der Vater gerade 17 Jahre alt und eigentlich Abiturient in der Oberprima an den Franckeschen Stiftungen zu Halle.

Bereits ein Jahr zuvor hatte eine ganz andere Karriere begonnen – die des Flakhelfers, die amtlich als Luftwaffenhelfer bezeichneten Oberschüler der Jahrgänge 1926 – 1928. Der Vater war 1926 geboren. In nur einem Jahr wurde Schule zur Ausnahme, 18 Stunden Unterricht pro Woche waren eigentlich vorgeschrieben, doch Krieg und Schule sind kaum in Einklang zu bringen. Inzwischen war aus dem Kindersoldaten ein Gefreiter der Wehrmacht geworden, einer, der schon hinterfragt, doch auch noch gläubig folgt. Drei Monate später erlebt der 17Jährige aus Halle noch den Schrecken der Westfront, das letzte Aufgebot, er wird vom Panzer überrollt, verschüttet das Loch, in dem er Schutz sucht. Er überlebt, kommt in Gefangenschaft. Die berüchtigten „Rheinwiesen“, 1.3 Millionen sollen es gewesen sein, die auf der linken Rheinseite monatelang unter freiem Himmel vegetieren mussten. Er überlebt. Ist einer von Tausenden Kriegsgefangenen, die sich die Franzosen zum Wiederaufbau ihres Landes von den Amerikanern einfordern. Im Südwesten Frankreichs wird er Demineur, entschärft gemeinsam mit seinen Kameraden am ehemaligen Atlantikwall zwischen Le Verdon und Arcachon 56 263 Minen aller Art, die tödlichen Hinterlassenschaften des Krieges. Bis 1948. Überlebt auch das und schreibt davon in seinen Briefen. Und von seinem Hunger nach Leben… Ratlos sitze ich vor dem Schuhkarton. Was soll ich mit dem Stapel dieser in kleine Kuverts gefalteten Weltgeschichte anfangen? Jetzt noch?

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Karin Scherf (Halle)

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